Was passiert mit Movinga, wenn Amazon in den Umzugsmarkt einsteigt?

14. Oktober 2016 Analysen 6
Was passiert mit Movinga, wenn Amazon in den Umzugsmarkt einsteigt?

Unter neuer Führung arbeitet die Umzugsplattform Movinga derzeit an ihrer Neuausrichtung und ist sichtbar um Besserung seiner Abläufe bemüht. Doch wie würde es dem Berliner Unternehmen ergehen, wenn auch Amazon in den Markt für Umzugslogistik mit einsteigt?

Dienstleistungen mit Amazon Home Services

Auf den ersten Blick mag es exotisch erscheinen, Amazon-Aktivitäten im Bereich der Umzugsdienstleistungen zu diskutieren, doch betrachtet man, was der Dienst mit seinen Amazon Home Services (Webseite) in ausgewählten Regionen der USA anbietet, sollten deutsche Unternehmen die Ohren spitzen. Für die USA testet Amazon derzeit die Vermittlung einer ganzen Batterie von Dienstleistungen, seien es Schulnachhilfe, Malerarbeiten, Computerreparaturen oder eben auch Umzüge. Um es deutlicher zu sagen: Amazon schielt darauf, ein Plattformgeschäft im Services-Bereich zu etablieren, bei dem es zum Vermittler für Dienstleistungen fast jeder Art wird und auf einen Schlag das Geschäft von Unternehmen wie Movinga (Umzüge), Homebell (Handwerker) oder Helpling (Putzkräfte) angreift.

Ein Blick auf das Thema Umzüge macht das Bedrohungspotenzial für Movinga (Webseite) unmittelbar deutlich: Amazon hat einen simplen Anfrageprozess entwickelt, der dem Kunden auf Basis weniger Faktoren ein Angebot unterbreitet. Der Transaktionsprozess und die Bezahlabwicklung erfolgen dann über das eigene Amazon-Konto und eine Zufriedenheitsgarantie dient als Absicherung.

Unternehmen können sich derweil als „Pro“ registrieren und ein Kenner der Materie gibt gegenüber digital kompakt an, das dazu eine Gewerbeanmeldung, ein Versicherungsnachweis, eine Webseite und Bewertungen zum Unternehmen nötig würden. Auch eine Prüfung von Bonität und Personal solle Amazon vornehmen und fordere neben kleineren Überprüfungsgebühren eine Provision über 15 Prozent des Netto-Umsatzes. Auf eine monatliche Grundgebühr solle demnach bis Ende 2017 verzichtet werden. Bislang ist Amazon Home Services nur in einigen großen US-Städten verfügbar und wird dort pilotiert.

Eine Endkundenmarke mit viel Vertrauen

Eine eigene Flotte wird bei Amazon derweil sicher kein Thema sein, stützt man sich doch auf Subunternehmer, die im Paketgeschäft eng getaktet sind, gezielt ein auf Schnelligkeit ausgelegtes Massengeschäft betreiben und deren Fahrzeuge intensiv ausgelastet sein dürften. Selbst wenn Amazon also vermehrt auf eigene Logistikansätze setzt und insbesondere in den USA Storage- und Transportfragen betrachtet, sind Umzüge zu sensibel sowie zeit- und personenaufwändig, als das eine Eigenumsetzung realistisch wäre.

Doch Amazon weist nicht nur ausreichend Kapital für entsprechende Experimente auf, es verfügt auch über eine potente Endkundenmarke, die viel Vertrauen und Ansehen genießt. Dem gegenüber finden sich im Umzugsbereich kaum weit bekannte Marken, sondern das Segment ist von einer regionalen Anbietervielfalt geprägt und hat aufgrund zahlreicher Graumarktanbieter mit einem durchwachsenen Image zu kämpfen. Amazons wesentliche Stärken dürften sich demnach also vor allem um das Thema Datenanalysen und Kundenvermittlung drehen.

Aus Bestandsdaten Umzüge prognostizieren

Eine der wesentlichen Herausforderungen bei der Umzugsvermittlung besteht darin, Leads zum exakt richtigen Zeitpunkt mit dem eigenen Angebot zu erreichen, weshalb insbesondere Classifieds-Portale wie ImmobilienScout24 das Mittel der Wahl darstellen. Für Amazon ist dieses Geschäftsfeld insofern interessant, als dass das Unternehmen über Informationen zu Bonität, Lebenssituation, Personendaten u.ä. verfügt und dadurch womöglich den Zeitpunkt eines Umzugs ableiten kann.

Liest die Verkaufsplattform etwa aus, dass ein Haushalt vermehrt Babysachen, Möbel oder sogar Umzugskartons betrachtet, ist der Schritt, entsprechenden Bestellungen Umzugswerbung beizulegen, sicher ein kleiner. Auch Kreditkartenfirmen sind ja bekannt dafür, am Kaufverhalten ihrer Kunden Lebensveränderungen wie Hochzeiten, Scheidungen oder Familienzuwachs ablesen zu können und im Gegensatz zu diesen hat Amazon die Möglichkeit, gezielt mit seinen Daten an weiteren Geschäftsmodellen arbeiten zu können. Damit würde Amazon zu einem neuartigen Lead-Generator.

Amazon als Lead Generator

Für Amazon verbindet sich mit den Home Services folglich eine extreme Ausweitung der Wertschöpfungskette über den Handel hinaus in den Dienstleistungsbereich, wobei das Unternehmen offensichtlich ausschließlich als Vermittler auftritt. Analog zu Movinga zöge Amazon das Geschäft also selbst an, würde dessen Umsetzung dann aber an Subunternehmer auslagern, denen es im Austausch gegen eine Provision Faktoren wie Marketing Kundenservice oder Rechnungsprozedere abnimmt.

Ob Amazon mit einem entsprechenden Ansatz Erfolg beschienen wäre, bleibt dennoch komplett offen. Hierzulande haben sich etwa auch die DHL oder Quelle bereits erfolglos an vergleichbaren Unterfangen versucht – offenbar vertrauen Kunden also selbst auf angesehene Marken nicht für jede Dienstleistung. Darüber hinaus stünde Amazon vor der Herausforderung, dass es auf der Endkundenseite penibel auf eine hohe Umsetzungsqualität achten müsste, um seine Marke nicht zu beschädigen. Dies erfordert professionell arbeitende Speditionen, denen aber sehr schwer zu vermitteln sein wird, warum sie einen erheblichen Wertschöpfungsteil und ihre Selbstgestaltung aufgeben sollten, um de facto nur noch zum Frachtführer zu werden.

Wie realistisch ist ein Gelingen wirklich?

Überhaupt bleibt abzuwarten, ob ein entsprechendes Konzept auf den deutschen Markt übertragbar wäre, immerhin gestaltet sich die Preisfindung hierzulande doch deutlich herausfordernder als in den USA, wo die Wohnumgebungen relativ standardisiert sind und wo es untypisch ist, große Teile des Mobiliars wie etwa Küchen mit umzuziehen und aufwändige Montagen vorzunehmen. Während der US-Umzugsmarkt aus dem Gütertransport entstand, hat das deutsche Umzugswesen seine Anfänge mit dem Verlegen von Adelswohnsitzen in Sommerresidenzen (und wieder zurück) genommen, wodurch eine dezidierte Dienstleistung mit hohem Kundenanspruch entstand.

Unter dem Strich heißt dies für Movinga also, dass mit den Amazon Home Services ein unmittelbarer Wettbewerber entstehen könnte, wo fraglich ist, ob auch Movinga zum Lead-Abnehmer wird. Allerdings wird ein potenzieller Roll-out sicher noch eine Weile dauern, falls Amazon sich denn dazu entschließt, sein Service-Angebot über die amerikanischen Pilotregionen hinaus auszudehnen. Auch in Anbetracht der hohen Komplexitäten bleibt Movinga bis dahin noch einiges an Zeit, um Marktanteile zu erschließen, wenngleich eine so endkundenstarke Marke wie Amazon durchaus ernst genommen werden sollte.

Artikel zum Thema Movinga:

digital kompakt, PaypPal Me

Bildmaterial:


6 Gedanken zu “Was passiert mit Movinga, wenn Amazon in den Umzugsmarkt einsteigt?s”

  • 1
    Johann Q am Oktober 14, 2016 Antworten

    Movinga hat wohl auch alleine schon genug Probleme zu lösen. Auch ohne besser finanzierte Konkurrenz.-

  • 2
    Oliver Samwer am Oktober 14, 2016 Antworten

    Das Thema Movinga/Movago ist glaube ich mittlerweile erschöpft. Beschäftige Dich lieber mal mit wirklich innovativen Unternehmen

    • 3
      Joël Kaczmarek am Oktober 14, 2016 Antworten

      Also zum einen ist Movinga ja hier nur der Aufhänger einer größer angelegten Debatte, zum anderen ist es glaube ich schon ein Thema, was mit diesem Unternehmen jetzt passiert. Das war schon ein ziemliches Erdbeben.

      Übrigens kannst du statt dem Namen von Oliver Samwer auch gerne deinen eigenen angeben. Und wenn du schon anonym kommentieren willst, würde ich vielleicht vorher schauen, ob dein Server kommuniziert, dass du bei Rheingau Founders arbeitest.

      • 4
        Jan am Oktober 14, 2016 Antworten

        owned 🙂

  • 5
    Johannes am Oktober 19, 2016 Antworten

    Haha 🙂

  • 6
    Alpha am November 27, 2016 Antworten

    Das Drama in Deutschland mit dem sogenannten Umzugsunternehmen Movinga zeigt die Sinnlosigkeit des Unterfangens von Amazon auf dem deutschen Umzugsmarkt. Denn ebenso wie Amazon kein Umzugsunternehmen ist und sein sein wird, ist Movinga ein reines Callcenter, dass natürlich keinen Umzug selbst durchführen. Die Umzugsaufträge, die bei Movinga durch ihre Website generiert, werden sofort an verzweifelte, im Graubereich arbeitende osteuropäische „Unternehmen“, ohne Versicherungsschutz und Lizenz „verhökert“. Umzüge sind kein Standardprodukt das man mit einem Klick im Internet erwirbt wie ein paar Schuhe, sondern es ist eine individuelle, maßgeschneiderte Dienstleistung am und mit dem Kunden, genannt auch Menschen, die auch vor allem auf Vertrauen basiert. Umzüge durchzuführen bedeutet für richtige Umzugsunternehmen „Leben zu bewegen“

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