Was sind die Hintergründe von Movingas LizenzGate? – UPDATE

Was sind die Hintergründe von Movingas LizenzGate? – UPDATE

UPDATE Die Umzugsplattform Movinga sieht sich einem medialen Sturm ausgesetzt, nachdem von einer Ermittlung wegen Urkundenfälschung berichtet wird. Bisher gibt es mehr Fragezeichen als Fakten und die genauen Hintergründe des Sachverhalts bleiben sehr vage. Dessen Entstehung erweckt jedoch den Eindruck einer PR-Kampagne.

Was ist passiert?

Recht reißerisch berichtet das Manager Magazin, dass die Staatsanwaltschaft gegen Movingas Gründer wegen Urkundenfälschung aufgrund eines mutmaßlich gefälschten Lizenzdokuments ermittle. Für wirklich Wissenswertes vertröstet das Magazin auf seine Printausgabe. Setzt man sich mit dem Thema tiefer auseinander, wird klar, dass es zu Movinga zwei diskutierte Themen gibt: die Mitgliedschaft bei der International Association of Movers (IAM) und die Güterkraftverkehrslizenz.

Die IAM ist ein internationaler Verband für Umzugsunternehmen, dessen Aufnahme erfordert, dass ein Umzugsunternehmen mindestens ein Jahr alt ist. Movinga informierte über seine Aufnahme in die IAM im März 2016, wurde als GmbH aber erst am 08. Juni 2015 eingetragen und widerspricht damit theoretisch dieser Auflage. Aus dem Umfeld von Movinga ist zu hören, dass die IAM die GmbH nicht als mitgliedsberechtigt anerkannte, wohl aber die GbR, mit der die Movinga-Gründer Bastian Knutzen und Chris Maslowski das Unternehmen schon davor aufgebaut hatten. Ein damit eher unkritischer Sachverhalt.

Die Güterkraftverkehrslizenz ist von der IAM komplett unabhängig und wird von Umzugsunternehmen in Deutschland benötigt, um geschäftsmäßig oder gegen Entgelt Güter mit Kraftfahrzeugen transportieren und Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen einsetzen zu dürfen. Laut digital kompakt vorliegenden Brancheninformationen hat Movinga zunächst keine Güterkraftverkehrslizenz erhalten (man munkelt aber, dass das Unternehmen mittlerweile über eine Tochterfirma im Besitz einer solchen sei). Da es sich bei Movinga jedoch um eine Plattform und kein Umzugsunternehmen handelt, braucht es eine solche Lizenz streng genommen auch nicht. Das Geschäftsmodell des Unternehmens mag in der Vergangenheit vorgesehen haben, selbst eine eigene Flotte zu besitzen, doch ist es wohl nie dazu gekommen.

Weswegen wird gegen Movinga ermittelt?

Die vom Manager Magazin angedeutete Ermittlung der Staatsanwaltschaft dreht sich nun vermutlich um Movingas Antrag einer Güterkraftverkehrslizenz. Von den Gründern heißt es dazu:

“Leider wird hier nun ein rechtlicher Sachverhalt völlig aus dem Zusammenhang gerissen und in Teilen auch falsch dargestellt. Darum halten wir uns offen, rechtliche Schritte einzulegen. Wir bitten um Verständnis, dass wir zu laufenden Verfahren nicht detailliert Stellung nehmen können. Wir haben aber volles Vertrauen in die Behörden. Wir sind daher zuversichtlich, dass unsere Argumente in diesem Verfahren gehört werden und bestätigt wird, dass keinerlei strafrechtlich relevantes Verhalten vorlag”.

Der genaue Sachverhalt bleibt an dieser Stelle bisher unklar. Bis sich belegbare Fakten finden lassen, gebietet die Thematik eine gewisse Sensibilität. Der Imageschaden einer solchen Situation ist potenziell hoch und wohl unabhängig vom Zutreffen der Vorwürfe bereits gegeben. Ironisch dabei: Es geht um eine Lizenz, die Movinga noch nicht einmal benötigt.

Update 31.05.2016 – 8:10 Uhr:

Mittlerweile ist die Print-Ausgabe des Manager Magazins verfügbar und jenseits von tendenziell reißerisch verpackten Andeutungen finden sich darin keine weiteren Hintergründe zur Thematik. Weitere Recherche offenbart derweil, dass Movinga seinen Lizenzantrag offensichtlich gar nicht zum Abschluss gebracht hat.

Mit der Verkehrsunternehmensdatei führt das Bundesamt für Güterverkehr ein elektronisches Zentralregister für Güter- und Personenkraftverkehrsunternehmen, dessen Suche keinen Eintrag für Movinga ausgibt. Eine unabhängige Quelle hat gegenüber digital kompakt dazu erklärt, dass Movinga seinen am 16.11.2015 eingereichten Antrag zurückgezogen hatte.

Laut den Recherchen von digital kompakt ist Movinga mittlerweile allerdings mittelbar an eine Lizenz gelangt, indem es im Februar diesen Jahres die FABI GmbH, ein Unternehmen für Transport- und Logistikdienstleistungen, zu 100% übernommen hat, das über eine solche Lizenz verfügt. Aus Sicht des Geschäftsmodells leuchtet dies zunächst nicht ein (weil Movinga eine Plattform und kein Umzugsunternehmen ist), aber womöglich spielen Marketing- oder Conversiongründe eine Rolle.

Es bleibt nach wie vor abzuwarten, warum die Staatsanwaltschaft gegen Movinga ermittelt und was das Ergebnis dieser Ermittlung ist. Für den Moment legen die z.T. öffentlich verfügbaren Daten aber nahe, dass es um eine Lizenz geht, die Movinga nicht braucht und deren Beantragung es vor Abschluss zurückgezogen hat.

PR-Kampagne gegen Movinga?

Es wird also bis zur Aufdeckung weiterer Umstände dauern, ehe eine klare Einordnung möglich ist. Bis dahin ist aber auch interessant, einen Blick auf die Entstehung der Story zu werfen. Gemeinsam mit sieben anderen Wirtschaftsmedien und der Staatsanwaltschaft erhielt digital kompakt einen anonymen Brief, der auf mehreren Seiten eine Reihe von Vorwürfen gegen Movinga geltend macht. Auf der letzten Seite folgt eine Auflistung Dutzender aktueller und ehemaliger Unternehmensvertreter samt detaillierter Kontaktdaten zur Recherche. Vergleichbare Schreiben gingen auch an Branchenverbände.

Blickte man jedoch tiefer in die teils vagen Behauptungen des Schreibens, stellte sich schnell heraus, dass es zu den Vorwürfen entweder wenig Substanz oder eine plausible Erklärung gab oder dass diese im hart umkämpften Startup-Alltag durchaus marktkonform erschienen. Das sahen anscheinend auch andere Medien so. Als daraufhin mangels Substanz keine Berichterstattung erfolgte, gingen entsprechende Kommentare auf digital kompakt ein, gefolgt von einer Nachricht mit dem Link zu einem Tumblr-Blog, auf dem dieselben Vorwürfe publiziert wurden, um diese öffentlich zugänglich zu machen.

Die detaillierten Adressdaten des Schreibens lassen einen gewissen Insiderstatus vermuten, doch selbst für einen frustrierten Ex-Mitarbeiter wäre ein solches Maß medialer Anschwärzung ein krasses Mittel. Denkbar wäre mithin, dass sich mit der nun medial aufgegriffenen Hetze ein strategisches Ziel verbindet, etwa die Sabotage von Movingas derzeit laufendem Fundraising oder das Unternehmen als Ganzes in Verruf zu bringen. Die Aggressivität, mit der man hier versucht hat, deutsche Massenmedien auf die Story aufmerksam zu machen, macht etwas derartiges zumindest vorstellbar.

Artikel zum Thema:

digital kompakt, PaypPal Me

Bildmaterial: Movinga


9 Gedanken zu “Was sind die Hintergründe von Movingas LizenzGate? – UPDATEs”

  • 1
    Johann Q am Mai 27, 2016 Antworten

    Schaun wa mal. Eigentlich sollte man schon davon ausgehen können, dass wenigstens ein paar der Investoren bei der Due Diligence aufgepasst haben.

  • 2
    Hunter am Mai 28, 2016 Antworten

    Ok, sehr schön. Und was sagt ihr zu diesen ganzen Aspekten, die sehr nach Insider Informationen riechen:
    http://furrypersonadinosaur.tumblr.com/

  • 3
    Frederick P am Mai 29, 2016 Antworten

    das hat man bei Theranos auch gedacht …

  • 4
    Vince Joelaymangmang am Mai 30, 2016 Antworten

    Lieber Joel,

    leider machst du deinen Job als Journalist nur schlecht als Recht – mittlerweile frage ich mich ob sogar der Titel „Techblogger“ eine massive Überhöhung deiner schreibenden Tätigkeit ist. Eines ist doch wohl vollkommen klar:

    Du hast dich massiv unkritisch mit Movinga befasst bzw. mit der ganzen Gruppe um Felix Swoboda. Das ging soweit Ihn als „Papst“ zu bezeichnen. Meinst du das ernst?

    Wenn du die Vorwürfe auch schriftlich bekommen hast, stellt sich mir die Frage wieso du dann in deinem „kritischsten“ Interview „ever“ ( War hoffentlich ein Witz – sonst muss man dir auch das letzte Fünkchen Selbstreflexion absprechen) die Vorwürfe in keiner Sekunde ansprichst? Willst du deine Freunde nicht vergrätzen?

    Ich selber keine einige Damen und Herren, die teilweise noch bei Movinga arbeiten und von denen werden die Vorwürfe grösstenteils bestätigt – allerdings will sich niemand öffentlich äussern, weil die beiden Gründer dafür bekannt sind alle und jeden zu verklagen.

    Am lächerlichsten ist aber der Tatbestand, dass du eine Urkundenfälschung als total irrelevant abtust, weil Movinga ja keine eigene Flotte haben wollte – das ist richtig – was du allerdings vergisst: ImmobilienScout24 verlangt eine solche Lizenz für die kommerzielle Weiterverarbeitung von Ihren Leads.

    Als kleiner Reminder für dich du Schlauberger:

    § 267
    Urkundenfälschung

    (1) Wer zur Täuschung im Rechtsverkehr eine unechte Urkunde herstellt, eine echte Urkunde verfälscht oder eine unechte oder verfälschte Urkunde gebraucht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

    Viele Grüße

    Dein Vincent

    • 5
      Joël Kaczmarek am Mai 30, 2016 Antworten

      Lieber Vincent,

      eines vorweg zur Klarstellung: der Tonfall und die Art und Weise, in der Sie hier argumentieren, sind respektlos und in ihrer Intensität und Aufbereitung unpassend. Sie sollten sich einmal fragen, was Sie dazu anhält, Ihre gute Kinderstube zu vergessen und gegenüber einer Ihnen fremden Person derart emotional und pöbelig zu werden. Einer Person, die viel Zeit, Geld und Aufwand investiert, die Branche zu vernetzen und deren Wissenstransfer zu fördern.

      Ich würdige dies nur mit einer Antwort, weil ich den Lesern, die mit der Materie nicht so firm sind und sich von derartigen Gemotze evtl. beeindrucken lassen, gerne ein vollständiges Bild ermöglichen möchte.

      Zu den Punkten:

      1. Der besagte Brief erreichte mich nach Führen aller Interviews und neben dem zeitlichen Missmatch erscheinen mir die darin enthaltenen Inhalte wie gesagt fragwürdig. Deren Aussagen waren entweder vage, nicht beweisbar oder erschienen in ihrem Inhalt marktkonform. Der Umstand, dass alle anderen adressierten Medien auch nichts verfasst haben, stützt diese Ansicht offensichtlich. Stellen Sie dieselbe Frage doch mal Deutsche Startups, Gründerszene oder dem Handelsblatt.

      2. Meine Beschäftigung mit Movinga und Homebell ist sicher nicht unkritisch. Das Movinga-Interview war an fast jeder Stelle offensiv und hat das Modell an Dutzenden Stellen hinterfragt. Homebell, das deutlich jünger ist und angesichts der geringen Datenlage ein ganz anderes Level an Hinterfragung zulässt, wurde ebenfalls abgeklopft und auf seine Hypothesen hin hinterfragt. Jenseits dessen ist meine Berichterstattung nicht darauf ausgelegt, auf Teufel komm raus Skandale aufzudecken, sondern Modelle zu verstehen und zu hinterfragen. Dass man in Deutschland als parteilich wahrgenommen wird, weil man dies tut und die Fähigkeiten von Unternehmern und Unternehmen anerkennt, ist doch bedenklich. Und neben der Tatsache, dass sich hinter dem Provisions-Papst ein Augenzwinkern versteckt, sollte man Überschriften nicht überbewerten.

      3. Ich tue eine Urkundenfälschung nicht als „total irrelevant ab“. Was soll eine solche Unterstellung? Was ich geschrieben habe ist, dass die Faktenlage unklar ist und was die Aufhänger einer Ermittlung sein könnten. Daneben habe ich spekuliert, dass es offensichtlich bei jmd. eine Agenda gibt, Movinga zu schaden und dass eine Berichterstattung zu Ermittlungen bereits massiv schädlich ist. Eine Bewertung der Sachlage habe ich bewusst vermieden, insofern ihr Zutreffen nicht abschließend geklärt ist. Wäre eine Bewertung gerechtfertigt, dürfte man aber sehr wohl den Grad des Schadens hinterfragen (z.B. wie nah am Businesskern liegt das Ganze, wem wird in welcher Weise geschadet, erfolgte dies wissentlich und mit einer Schadensabsicht usw.).

      Ich habe mir daraufhin heute mal den Manager-Magazin-Artikel dazu angeschaut und das Ganze ist ein Halbseiter voller Spekulationen. Darin wird sich gewundert, dass ein Startup mit 450 Mitarbeitern eine hohe Burn Rate hat oder gefolgert, dass es dem Unternehmen schlecht gehen könnte, weil der Geschäftsführer ab und zu im Unternehmen übernachte. Die Ermittlungen sind dort in einem Satz erwähnt und genauso vage gehalten wie in der Webversion. Nichts für ungut, aber einer solchen Form der reißerischen Berichterstattung ohne wirklichen Faktenkern verschließe ich mich.

      Trotzdem hier gerne das Angebot: Movinga-Mitarbeiter gönnen mir gerne an redaktion[at]digitalkompakt.de mailen und Licht in die Angelegenheit bringen. Wer mich kennt, weiß, dass ich meine Quellen immer schütze und auf Wunsch anonym halte und mir Themen anschaue, wenn sie mit Fakten belegt sind.

      Gruß

      Joel

    • 6
      HelloMove am Mai 30, 2016 Antworten

      Hallo Vincent,

      auch wenn ich Joël, hinsichtlich Movinga, nicht in allen Punkten zustimme, so muss ich anerkennen, dass der DeepDive#7 tatsächlich mit der nötigen Tiefe und notwendiger Kritik vorgenommen wurde. Dafür gebührt dir nochmals großen Dank, Joël!

      Zur Urkundenfälschung:
      Ob Movinga tatsächlich einen größeren Schaden davonträgt – unabhängig davon ob die Fälschung der Wahrheit entspricht – sehr ich im derzeitigen Stadium als vernachlässigbar, da sie meines Erachtens, aus Benutzersicht, noch nicht die Relevanz als Umzugsplattform besitzen.

      -*-

  • 7
    Joël Kaczmarek am Mai 31, 2016 Antworten

    Habe nochmal ein Update des Artikels vorgenommen. Nach derzeitiger Recherche ist es offenbar so, dass Movinga den Antrag der Lizenz, um die es vermutlich geht, schon vor Abschluss zurückgezogen hatte.

  • 8
    Dennis am Mai 31, 2016 Antworten

    Danke für die ausführliche Berichterstattung und das Eingehen auf die – teils fragwürdigen – Kommentare. Solange die Faktenlage unklar ist, finde ich eine gewisse Zurückhaltung das richtige Vorgehen.

    Kurze Anmerkung am Rande: das genannte Update im Beitrag ist wahrscheinlich von heute und nicht vom 31.03.2016.

    • 9
      Joël Kaczmarek am Mai 31, 2016 Antworten

      Oh ja, danke für den Hinweis.

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