Modernes Raubrittertum: SoundCloud und das Thema Podcasts

Modernes Raubrittertum: SoundCloud und das Thema Podcasts

Lange galt SoundCloud als eines der viel versprechendsten Startups aus Berlin und überzeugte durch ein performantes Produkt, hohe Reichweite und seine gekonnte Ausrichtung als Indie-Plattform für DJs. Das Geschäft mit den immer populäreren Podcasts kam da als willkommene Ergänzung. Insbesondere aus Sicht von Podcastern hält der kriselnde Dienst jedoch immer mehr Frustpotenzial bereit. Ein Kommentar.

Wie bei einer Lösegeldforderung

Als Podcaster stößt zunächst die Art und Weise auf, mit der SoundCloud seine Pro-Accounts vertreibt. Meldet man sich bei dem Dienst an, wird vielfach auf die mit einem Pro-Account verfügbaren „Stats“ (Nutzungsstatistiken) verwiesen. Es entsteht der Eindruck, als würden sich die Bezahlaccounts vor allem um genauere Analysemöglichkeiten drehen. Doch Obacht: SoundCloud erlaubt im kostenlosen Modus den Upload von gerade einmal drei Stunden Sounds, ehe der Dienst dazwischen grätscht.

Werden die drei Stunden überschritten, beginnt SoundCloud ohne Vorwarnung alte Sounds auszublenden. Diese sind im Profil des Nutzers nicht mehr sichtbar und werden auf eingebundenen Seiten als nicht auffindbar angezeigt. Der Nutzer erhält eine E-Mail, in der er freundlich darauf hingewiesen wird, dass ein Pro-Account doch Abhilfe schaffen könne.

Eine Vorwarnung, dass sich dem Upload-Limit genähert wird, gibt es ebenso wenig wie die Möglichkeit, vor dem Ausblenden noch zu reagieren. So entsteht Handlungsdruck. Der Nutzer wird vor vollendete Tatsachen gestellt und kommt um einen Pro-Account praktisch nicht umher. Ein Gefühl wie bei einer Entführung entsteht, bei der die Lösegeldforderung freundlich per E-Mail überstellt wird.

Hohe Wechselkosten und vages Procedere

Hat man sich erstmal eine gewisse Reichweite auf SoundCloud aufgebaut und seinen iTunes-Kanal über den auf dem Streamingdienst erzeugten RSS-Feed befüllt, sind die Wechselkosten unmittelbar hoch. Imageschäden oder ins Leere laufende Nutzer durch den fehlenden Content erhöhen den Druck.

Dabei bleibt das Procedere eher vage: Wie genau sich die „Upload Quota“ verteilt, ob die drei Stunden sich etwa auf vierwöchige Zyklen oder das Monatsende beziehen, bleibt ebenso unklar wie das Ausblenden an sich: Werden die ausgeblendeten Stücke in einem neuen Monat wieder eingeblendet? Wird immer nur das letzte Stück ausgeblendet oder eines quid pro quo für jedes neu hochgeladene?

Wer als Podcaster ernsthaft und regelmäßig Stücke bei SoundCloud hochladen möchte, kann den Dienst aber praktisch ohnehin nur per Pro-Account nutzen. Wobei der Pro-Account dann angesichts von sechs Stunden Upload-Limit ebenfalls schnell an seine Grenzen stößt, was letztlich „Pro unlimited“ erfordert, das ein unbegrenztes Upload-Limit bietet.

SoundClouds Premiumfeatures taugen wenig

Ähnlich enttäuschend sind die anschließend gebotenen Bezahlfunktionen. Die gerühmten Stats sind vielfach schlichtweg ungenügend. Tracks lassen sich danach betrachten, wann, wo (Land und Stadt) und wie oft sie abgespielt wurden, welche Nutzer sie am häufigsten anhörten und auf was für Webseiten, Apps oder RSS-Feeds dafür zurückgegriffen wurde.

Schön und gut, doch welchem einigermaßen analyticsaffinen Podcaster genügt das? Es gibt keinerlei Übersichten wie lange ein Stück im Durchschnitt angehört wurde, an welchen Stellen die meisten Nutzer absprangen, zu welchen Uhrzeiten die Abspielungen stattfanden, wie oft ein Track wieder angesetzt wurde, wie viele Unique User zuhörten oder wie viele Stücke in einer Session angehört wurden.

Unterschiedliches funktionales Störfeuer

Damit nicht genug, gesellt sich zu diesen Unwägbarkeiten unterschiedliches funktionales Störfeuer:

  • Pro-Accounts lassen sich nicht mobil abschliessen, wer die Upload-Begrenzung übersehen hat und dies unterwegs bemerkt, kann erst wieder am Computer reagieren.
  • Rechnungen verschickt SoundCloud nur als E-Mail-Text oder bietet sie als Webseitentext an. Welcher zeitgemäße Onlinedienst ist heutzutage nicht in der Lage, Rechnungen als PDF anzubieten?
  • Bindet man einen Track auf einer Seite ein, wird dieser beim Pausieren mit einem auf SoundCloud verlinkten Overlay überblendet, das sich in einigen Browsern nicht mehr ausblenden lässt (unterbinden schon gar nicht) – der Nutzer erhöht so die (für Google wichtige) Verweildauer auf SoundCloud

Fazit: Alles eine Frage der Art und Weise

Dabei weiß der Dienst ja durch ein ansprechendes Design, simple Bedienung und performante Einbindungen zu überzeugen – immerhin gibt es ohnehin wenige ansprechende Alternativen, möchte man seine Podcast-Inhalte nicht gerade selbst hosten. Zur Verteidigung des eigentlich vor allem auf DJs ausgerichteten Dienstes lässt sich folglich anführen, dass Podcasts von SoundClouds Funktionen und Geschäftsmodell bisher nicht richtig erfasst werden. Wer Podcasts aufzeichnet, die länger als fünf Minuten sind, wird automatisch an die Kapazitätsgrenzen des Dienstes geführt und kommt um einen Bezahl-Account praktisch nicht herum.

Unter dem Strich ist es die Art und Weise, mit der SoundCloud seine (Podcast-)Nutzer zu Pro-Kunden konvertiert, die sauer aufstößt. An neun Euro monatlichen Kosten für einen sonst hochwertig umgesetzten und performanten Dienst ist nichts auszusetzen, doch warum verstehen es die Berliner nicht, ihre Kunden weniger aggressiv daran heranzuführen? Schnell entsteht der Eindruck, man müsse angesichts kriselnder Zahlen um jeden Preis zahlende Nutzer gewinnen.

Bildmaterial: Pixabay, SoundCloud (Montage)


3 Gedanken zu “Modernes Raubrittertum: SoundCloud und das Thema Podcastss”

  • 1
    Thomas am März 24, 2016 Antworten

    Ich kann die Kritik nicht ganz nachvollziehen. Mit SEM fm bin ich SoundCloud-Podcaster der „ersten Stunde“ und hatte mich schnell für einen Pro Unlimited Account für 99 EUR pro Jahr entschieden. Die Kosten, die im Beitrag leider gar nicht erwähnt werden, empfinde ich als vergleichsweise gering.

    Außerdem habe ich mal mit SoundCloud Kontakt aufgenommen, ob es speziell für Podcaster ein Angebot gibt und man hat sich prompt kulant gezeigt und meine nächste Zahlung/Abbuchung findet erst wieder im Jahr 2019 satt.

    Also alles halb so wild. 😉

    • 2
      Joël Kaczmarek am März 24, 2016 Antworten

      Die Kosten sind sind im letzten Abschnitt schon kurz erwähnt und es geht ja auch gar nicht um die Kosten an sich. Dort steht ja auch, dass der Dienst sein Geld wert ist. Es geht um die Art und Weise, dass du aus heiterem Himmel eine Mail kriegst, dass deine Inhalte weg sind und du sie gegen Geld wieder zurückbekommen kannst. Und dass man auf fremde Seiten über Einbettungen einfach Overlays legt, die sich nicht mehr wegklicken lassen und zu SoundCloud führen, finde ich schon ziemlich frech.

      Aber ja, es gibt sicher andere Themen, die einen intensiver beschäftigen :-).

  • 3
    Sebastian am März 24, 2016 Antworten

    Podcasts sind einfach kein Usecase für Soundcloud. Verwendet lieber Mixcloud – ist komplett kostenlos, und die operieren mit einer digitalen Radio-Lizenz.

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