Deep Dive CleanTech #8: 10 Jahre Desertec – wo bleibt der Strom aus der Wüste? [EN]

Deep Dive CleanTech #8: 10 Jahre Desertec – wo bleibt der Strom aus der Wüste? [EN]

In seinem CleanTech-Podcast Deep Dive CleanTech spricht David Wortmann regelmäßig mit Akteuren der CleanTech-Branche. In dieser Folge ist Paul van Son unser Gesprächspartner. Paul van Son hat die Desertec-Initiative mehrere Jahre geleitet. Im Podcast spricht er über die Probleme internationaler Großprojekte und seine Learnings aus heutiger Sicht.

  • Paul van Son – Mister Green Power

    Paul van Son wurde in Leiden in den Niederlanden geboren. In Delft hat der Elektroingenieur studiert und ist seitdem im Energiemarkt tätig. Er war in der Netzentwicklung bei Siemens (Webseite)  tätig, leitete die Verbundnetzführung beim niederländischen Energieversorger SEP, heute Tennet (Webseite). Nach einem Zwischenstop in den USA als Energieberater bei Energy and Control Consultants und bei Essent (Webseite) wurde er 2009 Geschäftsführer der Desertec Industrial Initiative GmbH, kurz Dii (Webseite). Der geläufige Name für die Dii ist Desertec. Heute ist er für innogy SE (Webseite) verantwortlich für die MENA-Region (Mittlerer Osten und Nordafrika) und die Türkei.

    Zudem ist er Vorsitzender der Energy4All Foundation in den Niederlanden (Webseite). Die NGO fördert dezentrale Energieanlagen in Afrika. Berechtigterweise bezeichnet er sich augenzwinkernd als  Mister Green Power.

    10 Jahre Desertec Projekt – Rückschau

    2009 wurde Desertec ins Leben gerufen und die mediale Aufmerksamkeit war groß. Das lag einerseits an der grünen Vision, dass Wüstenstrom die saubere Energielösung für Europa sein könnte. Anderseits war da diese unglaubliche Zahl von 400 Milliarden Euro, die in vielen Zeitungen zitiert wurde. So hoch war die geschätzte Investitionssumme für den Zeitraum bis 2050. Dann sollten um die 20 Prozent des europäischen Strombedarfs mit Wüstenstrom gedeckt werden. Grundlage für die Vision waren Studien (Webseite) des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt.

    Das Projekt wurde von der Industrie begeistert aufgenommen, denn inmitten der Wirtschaftskrise, war es eine Möglichkeit zu investieren und zudem ein gewinnträchtiges Geschäftsmodell von dem die ganze Energiebranche profitieren konnte: Anlagenbauer, Versorger oder etwa Zulieferer. Aus der zu Beginn vor allem deutschen Industrieinitiative mit 12 Partnern wurde bald eine internationale. Heute im Jahr 2019 ist es still um Desertec geworden. Was ist passiert?

    Konstruktionsfehler von Desertec

    Desertec hatte von Beginn an mehrere Konstruktionsfehler, resümiert Paul van Son und nennt drei Fehler.

    1. Desertec ist am Reißbrett entstanden, ohne die Zielländer einzubinden
    2. Der USP war nicht klar
    3. Es war unklar, welchen Benefit die Länder hatten, in denen der Strom produziert werden sollte

    Viel Energie auf dem Weg zur Verwirklichung sei bei der Einbindung der Länder in das Desertec Projekt verloren gegangen. Die Reaktionen auf die Dii waren sehr verschieden und stießen keineswegs überall auf Gegenliebe. Van Son gibt drei exemplarische Beispiele, um die Bandbreite der regionalen Bewertungen zu verdeutlichen.

    Desertec & Marokko

    “In Marokko haben die Verantwortlichen das Thema Erneuerbare bereits auf der Agenda gehabt und sie wollten Solar- und Windenergie aufbauen. Marokko stand deshalb Investitionen offen gegenüber.”

    Desertec & Algerien

    “In Algerien war es problematisch überhaupt einen Termin zu bekommen und wenn nur auf unteren Regierungsebenen. Man empfand die Initiative als beschämenden Kolonisierungsversuch.”

    Desertec & Syrien

    “Algerien wiederum war offen, allerdings stieß das Projekt auf eine selbstbewusste Haltung, sodass die erste Frage war: ‘Warum glauben Sie, dass wir Desertec brauchen?'”

     

     

    Elektroingenieur van Son nennt daneben noch eine weitere Herausforderung. Die instabile politische Lage im Nahen Osten und unklare Perspektiven schreckten Investoren ab. Zudem: Man habe sich stark damit beschäftigt, wie der Strom nach Europa komme und die Gesetze des Strommarktes vollkommen außer Acht gelassen, beziehungsweise basierten die Prognosen auf falschen Annahmen.

    Es funktioniert so: Die Kraftwerke speisen die Energie in den lokalen Strommarkt ein. Die Händler kaufen den Strom für Europa dann von Marokko, das aber ist nur sinnvoll, wenn der Strom dort auch günstiger ist.

    Allerdings ist der Strom beispielsweise in Marokko teurer als in Europa, sodass Spanien Strom via Unterseekabel in das Land exportiert. Dazu kommt, dass der Ausbau der Erneuerbaren Energien in Europa wesentlich zügiger vorangeschritten ist als 2009 angenommen. So ist heute viel mehr und günstiger Strom auf dem Markt. Im Laufe der Zeit wurde den Verantwortlichen klar, dass die Ziele zu ambitioniert waren und die Realität die Annahmen überholt hatte. 2014 kam es dann zu einer Neuausrichtung.

    Ist Desertec gescheitert?

    2014 wurde der Sitz der Dii von München nach Dubai verlegt und der Fokus stark auf die MENA-Region gelegt. Paul van Son sieht in Desertec keine gescheiterte Initiative. Der Fokus hat sich verschoben, nach wie vor sei die Idee vom Strom aus der Wüste eine gute Idee und könnte Europa viele Milliarden Euro sparen und den Erzeugerländern viele Milliarden einbringen. Doch das Hauptziel ist es, Emissionen zu reduzieren.

    Das Ziel von Desertec heute ist es, Emissionen zu reduzieren. Und das heißt, dass wir den Ausbau der Erneuerbaren Energien vorantreiben, sowohl in Europa als auch in Afrika. (Paul van Son | Country Manager innogy SE)

    Darum sieht van Son heute als oberstes Ziel für Desertec, die Länder in den MENA-Regionen dabei zu unterstützen, den Ausbau grüner Energien voranzutreiben und das Bewusstsein für die Energiewende zu verankern. Davon könnten vor allem jene Länder profitieren, die auf den Import von Strom angewiesen sind.

    Wir sollten jene Länder, die auf den Stromimport angewiesen sind, intensiv unterstützen. Sie profitieren am meisten von einem sehr schnellen Wechsel.

    Diese Ziele hat Desertec erreicht

    1. Desertec hat das Bewusstsein für Clean-Tech-Ideen geschärft
    2. Durch die Dii haben nun nahezu alle Länder Institutionen, die CleanTech erforschen und unterstützen
    3. Die Studien haben die Grundlage geschaffen für unzählige Industrieprojekte
    4. Investitionen in Referenzprojekte in Marokko und Machbarkeitsstudien für weitere Länder

    Heute 10 Jahre nach der Gründung von Desertec ist Paul van Son vom Nutzen weiterhin überzeugt. Aus Desertec sei heute mehr eine Bewegung für Erneuerbare Energien geworden.

  • Darum solltest Du reinhören

    Dieser Podcast gibt Dir einen guten Überblick über das Desertec-Projekt. Du verstehst…

    • …wie die Desertec Industrial Initiative entstanden ist
    • …welche Konstruktionsfehler das Projekt hatte
    • …wie Du eine internationale Organisation aufbaust
    • …wie Desertec organisiert war
    • …warum die Hochzeit aus Stiftung und Industrie nicht funktioniert hat
    • …wie aus Desertec eine GreenTech-Bewegung wurde
    • …was grünes Storytelling ausmacht
    • …warum der Strom aus der Wüste nicht in Deutschland ankommt

    Last, but not least: Nach dieser Folge weißt Du, warum Revolutionen sich kaum auf das Tagesgeschäft auswirken.

  • Darüber sprechen wir mit Paul van Son

    Im Deep Dive CleanTech Podcast werden diese Themen rund um die Desertec Industrial Initiative behandelt (Links führen zum Track):

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Dauer: 36 Minuten

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Bildmaterial: digital kompakt


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