Veganz-Gründer Jan Bredack: 5 Dinge, die ich gerne mit 20 gewusst hätte

13. Dezember 2024, mit Joël Kaczmarek

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Joel Kaczmarek: High Five, Leute! Ihr kennt das Spiel, hier ist Joel und wie immer habe ich eine tolle Person am Start, die mir ihre fünf Dinge verrät, die sie gerne schon mit 20 gewusst hätte. Und heute ist das mal wieder die unternehmerische Sphäre, denn der liebe Jan Bredack, der heute zu Gast ist, das ist ein super interessanter und vielschichtiger Mann. Ihr kennt bestimmt seine Produkte, der hat ein Unternehmen namens Veganz gegründet, nachdem er zuvor schon eine sehr erfolgreiche Karriere im Konzern hatte. Und Veganz ist ja mal gestartet als Supermarkt, wo es vegane Produkte gibt und mittlerweile ist es in die Produktion übergegangen. Und ich habe mit Jan schon öfters zusammengesessen und gepodcastet und daher weiß ich, dass er nie ein Blatt vor den Mund nimmt, immer Tacheles redet und einfach, ich glaube die Jugend würde heute sagen, total real ist. Und da er auch schon mehrere Karrieren hinter sich hat, war ich natürlich total neugierig, was so ein Mensch, der schon viel erlebt hat, denn so für fünf Dinge hat. Ja und that being said, lass uns nicht lange warten. Hallo lieber Jan, schön, dass du da bist. Moin Moin. Moin, moin. Ja, sag mal, ich frage als erstes auch immer so gerne ein Stück weit, also das ist bei Frauen immer ein schwierigeres Thema als bei Männern. Wie alt bist du denn jetzt, wenn du auf die 20 zurückguckst? Von wie vielen Jahren reden wir denn da eigentlich?

Jan Bredack: Wir reden dann von 32 Jahren.

Joel Kaczmarek: Stimmt das eigentlich, was man sagt? War die 50 so eine Schallmauer? Hast du das gemerkt?

Jan Bredack: Ja, und ich sag dir ehrlich, die 52 ist auch noch eine Schallmauer. Also ich habe so das Gefühl, der Schall, der baut sich vor mir auf und ich renne auf die 60 zu.

Joel Kaczmarek: Ja, schön. Und jetzt habe ich ja natürlich in dem Format hier auch ganz viele Menschen, die gar nicht so tief verwurzelt sind in der Unternehmersphäre wie du und ich teilweise. Ich habe es jetzt so im Schweinsgalopp erzählt, was du mit deiner Firma machst, aber da steckt ja natürlich noch viel, viel mehr hinter. Also auch ganz viel Purpose und Überzeugung und auch politische Gedanken, die ich sehr cool finde. Gib du doch mal so einen kurzen Wrap-up zu dir, wie du dich verstehst, wo du auch gerade bist, an welchem Punkt in deinem Leben und dann tauchen wir mal ein.

Jan Bredack: vorbei. Man hat ja auf jeden Fall mehr Zeit hinter sich als vor sich. Die Ziellinie sieht man schon, die kommt näher und dann kommen so Gedanken, was habe ich verpasst? Habe ich mein Leben gelebt? Kann ich noch irgendwas tun? Und ja, ich beschäftige mich auch wieder mehr öffentlich mit meinem Umfeld, mit dem, was passiert in der Welt. Das habe ich viele Jahre nicht gemacht, da war ich sehr egoistisch, habe nur auf mich geguckt. Firma, Karriere, mit sieben Kindern, machst du dir da eh andere Gedanken?

Joel Kaczmarek: Sieben Kinder, wow! Wo ich gerade dran denke, ist, ich habe einen Freund, der ist auch Geschäftsführer, hat die 50, glaube ich, dieses oder letztes Jahr geknackt. Und der hat dann mal zu mir so gesagt, ich habe noch, ich glaube, es waren wieder 15 oder 20 gute Sommer. Wie? Wieso? Du bist 50? Du bist doch jetzt irgendwie, Lebenserwartung rechnet so. Ja, aber frag dich mal, gehst du mit 80 noch auf die große Weltreise oder mit 85 oder mit 90? Also wenn du mal deine Qualität, deine Lebensqualität und dein Alter matchst, dann könnte man, glaube ich, schon sagen, habe ich noch so 15 bis 20 gute Sommer. Und es fühlt sich ein bisschen depressiv an, so zu denken, ehrlich gesagt. Ja. Wenn man es aber neutral nennt, kann man natürlich auch sagen, es ist einfach realistisch. Aber wenn man natürlich in den Sphären anfängt zu denken, dann ist man auf einmal in interessantem Fahrwasser.

Jan Bredack: Absolut. Ich sage mal, das Leben ist ja auch deshalb interessant, weil es endlich ist. Dieses Bewusstsein kommt einem leider erst im Alter. Und wenn ich mich erinnere, dass meine Großeltern immer zu mir gesagt haben, ja Junge, lebe dein Leben und so, das sind so Sätze, die schallern so an dir vorbei und jetzt kannst du sie viel besser verstehen.

Joel Kaczmarek: Lustigerweise, als ich dieses Format hier entwickelt habe, hatte ich mal ein Buch gesehen im Laden, was das so ein bisschen mitgeprägt hat und das hieß so 5 Dinge, die Menschen auf dem Sterbebett bereuen. Wenn du jetzt schon an sowas denkst, hast du für dich so Ziele ausgemacht, wo du sagst, also egal wie viele Jahre jetzt noch kommen, das möchte ich noch mitgenommen haben?

Jan Bredack: Nee, nicht Dinge tatsächlich, weil man neigt dann schnell dazu, in materiellen Sphären zu denken.

Joel Kaczmarek: Also ich habe sehr an Erlebnisse gedacht.

Jan Bredack: Ja, genau. Aber auch die sind ja materialisiert heute in der Welt. Auch Erlebnisse hängen ja irgendwo. Also ich glaube nicht, dass dir jemand antworten würde auf deine Frage, ich würde gerne mal einen Baum gepflanzt haben oder einmal barfuß über eine Wiese gegangen sein. Ich glaube, es wird sich dann schon manifestieren in, ich würde gerne mal eine Reise gemacht haben oder ein Haus gebaut haben oder was auch immer. Und das zumindest bei mir jetzt gerade nicht. Ich denke, das ist ein bisschen größer. Ich denke es in, was hinterlasse ich für einen Fußabdruck? Und Fußabdruck, das ist auch ein bisschen Ego mit dabei. Wie reden meine Kinder über ihren Papa? Oder wie reden der ihre Kinder über ihren Opa? Was bleibt dabei hängen? Habe ich was hinterlassen, was nachhaltig ist? Konnte ich was prägen, mal abgesehen von meinem aktuellen Umfeld? Was bleibt in dieser Welt? Konnte ich da einen positiven Impact hinterlassen? Das sind tatsächlich Dinge, die mich gerade in der aktuellen Zeit, gerade jetzt, wo vieles, was die Zukunftsaussichten angeht, schlechter aussieht. Und ich rede viel mit meiner Frau, die ein Jahr älter ist als ich noch. Wir hatten jetzt 30 Jahre echt Glück. Wir hatten den Kalten Krieg, okay, und sie kommt aus dem Westen, ich aus dem Osten. Aber wenn du es mal bei Licht betrachtest, so die 80er, 90er und so, war es doch im Vergleich zu heute mit Blick nach vorne, war es doch eine geile Zeit. Und wenn ich heute meine Kinder gucke, mit was für Themen die umgehen, Mit was die sich beschäftigen, da geht es ja auch um existenzielle Krisen. Das finde ich echt krass mit so einem Gedanken. Und dann schiebt man die schnell wieder weg und denkt, komm, lass das bloß nicht so nah an mich rankommen. Und dann verstärkt sich wieder der Gedanke, was können wir tun, um da noch ein bisschen das zu entschärfen. Das ist tatsächlich sehr groß, viel größer als jetzt eine Unternehmung oder um die Karriere, sondern es geht wirklich darum, wie können wir noch in dieser Welt noch irgendwie wir als kleine Individuen bewirken. Und deshalb bin ich tatsächlich politisch sehr aktiv, was nicht gut ankommt überall. Die sagen, ey Jan, du bist Unternehmer, du stehst für eine Firma, da steht eine Marke, du kannst ja jetzt noch nicht politisch dich hier äußern, weder grün, rot, schwarz, gelb. Und ich sage, doch, ich kann, weil das ist meine Meinung. Ich bin auch nicht immer eins, was die Grünen machen. Werde ich morgen einen Post rausbringen zu. Ich nehme das jetzt nicht alles uneingeschränkt, weil es von einer Partei kommt, sondern ich habe eine Einstellung entwickelt, ein Weltbild entwickelt und das vertrete ich nach außen. Und da können sich Leute dran aufgeilen und abreiben. mit mir diskutieren oder sie können mit mir einstimmen. Ich möchte ja auch dort bei einigen was pflanzen, eine Sichtweise, weil ich merke, viele sind auch orientierungslos. Denen fehlt auch durch die vielen populistischen Dinge. Ich kürze jetzt mal ab, also das ist das, was mich gerade umtreibt mit 52.

Joel Kaczmarek: Na gut, komm, dann tauchen wir mal in deine fünf Dinge ein. Was ist denn dein erster Punkt, den du gerne mit 20 schon gewusst hättest?

Jan Bredack: Ich war noch sehr geprägt durch mein Elternhaus. Ausbildung, Lehre, Lehren, weil das war so ein Zeichen von, du musst das machen, weil dann kannst du davon gut leben. Und das hat sich ja in der nächsten Generation noch viel verschärfter. Also wenn ich überlege, bei mir Abiturienten waren eher, weiß ich nicht, 20 Prozent, 30. Und dann ist das immer hoch. Du musst, du musst studieren, du musst das tun, du musst eben, um da in so eine Sphäre einzutauchen. Und das ist stark geprägt vom Elternhaus. Und ich habe mich davon anstecken lassen. Ich bin mit 12, 13, 14 in diesen Leistungsdruck reingekommen. Heute sage ich, und das sage ich auch meinen Kindern, ey. Egal, was du jetzt für eine Ausbildung machst, mach doch einfach, was dir gefällt, weil es ändert sich sowieso. Es hat ja nicht so viel Bestand, wie du meinst, was es hat. Wenn du es jetzt noch so denkst wie ich damals in diesen beruflichen Sphären, du musst das lernen, weil da kannst du gut verdienen, weil da gibt es gute Jobs, da hast du gerade viel Bedarf oder so, da projizierst du dir. Das ändert sich ja gerade. Das ist ja komplett im Umbruch. Rechtsanwalt, Steuerberater, das macht morgen KI. Ich mache es jetzt mal bewusst so. Mach dir doch die Gedanken nicht, Mädel oder Junge. Mach, wo du meinst, du hast daran Spaß. Das ist dein Thema. Das ist mein erstes dickes, fettes Learning, wo ich nicht sagen würde, dass ich Zeit vergeudet habe, aber wo ich mir unnötig Druck gemacht habe und auch unnötig Dinge auf mich genommen habe, die ich heute meinen Kindern so nicht mehr zumuten würde.

Joel Kaczmarek: Ich weiß ja total, was du meinst. Bei mir war immer so, dass mein Vater meinte, ja, mach mal Informatik in der Schule, das wird so ein großes Ding. Hat er, glaube ich, viel Voraussicht bewiesen. Und als ich dann in das Alter kam, also ich meine, klar, wenn ich jetzt Entwickler wäre, hätte ich einen Job sicher. Und dann gab es aber lustigerweise so eine Tendenz, dass auf einmal so Therapeuten, glaube ich, das nächste große Ding wurden, weil die ganzen Leute nur vom Rechner saßen und depressiv wurden. Und dann fehlten auf einmal die Lehrer. Also es gibt ja auch so Wellen. Es gab, glaube ich, auch mal eine Zeit lang, da gab es nur Anwälte und dann auf einmal gar nicht mehr so. Vielleicht war das so der Ursprung der FOMO, nur so eine Wirtschafts-FOMO hatte ich den Eindruck. Weißt du, stimmt? Bei mir war das auch immer so, dass mir viel beigebracht wurde, studiere für Geld, für guten Job, für irgendwie Chance auf Karriere und so und nicht für öffnet dir Türen zu Dingen, die du gerne hast oder macht dich glücklich oder so. Das ist ganz komisch eigentlich.

Jan Bredack: Das ist genau das, was ich vermitteln wollte und was ich heute meinen Kindern genau nicht vermittle. Ich sage genau, ich presse sie nicht rein, du musst Abi machen, du musst das machen. Wenn sie es wollen, können sie es tun. Der eine macht es, der andere nicht. Der Nächste lernt eine Ausbildung und merkt dann in der Ausbildung, ach, das ist jetzt nicht meins, dann machst du halt was anderes. Also es ist nicht mehr so Krampf, so viel Krampf dahinter.

Joel Kaczmarek: Und du glaubst nicht, dass es so eine gewisse Schulbildung braucht? Also ich habe immer gedacht, Abitur in der Tasche haben ist auf jeden Fall wichtig, was du danach machst, ist eigentlich egal.

Jan Bredack: Jetzt gehe ich mal von mir aus. Ich war mit 16, war ich noch in der DDR, hatte ich noch nicht die Reife, da war ich noch weit weg zu sagen, ich will studieren. Mit 19, 20 sieht die Welt dann anders aus. Dann sagst du, nee, ich will studieren. Ich habe ja dann nochmal ein Master hinten dran. Ich habe nochmal sogar, das war 2004 bis 2007, da war ich schon über 30. Also da kam nochmal so ein Boost. Ich will jetzt nochmal, das kam aber von innen, das war intrinsisch motiviert. Ich will jetzt nochmal ein MBA, ich will nochmal das machen. Ich brauche brauch das nochmal und dann ist es geil, weil dann machst du es ja, weil du es willst und nicht, weil dir von außen jemand sagt, du müsstest jetzt mal hier noch einen kleinen Bachelor und Master dranhängen, damit du dann da und da und da sich dir

Joel Kaczmarek: Berufschancen

Jan Bredack: eröffnen, weißt du? Genau das versuche ich zu vermitteln.

Joel Kaczmarek: Und du als Mensch, der aber karriereorientiert war lange Zeit, schätze ich mal, also so wie ich dich auch kennengelernt habe, mit deinen Rollen, die du hattest, was machst du, wenn jetzt eins deiner Kinder zu dir kommt und sagt, Papa, ich möchte zum Zirkus oder jonglieren oder singen oder was vermeintlich brotlos ist?

Jan Bredack: Das ist bei mir genau passiert. Meine zweitgrößte Tochter, da konnte ich damit noch nichts anfangen, die ist Gamerin und Streamerin. Das war vor fünf, sechs Jahren. Die hat mich hier nach Berlin zu Events gefahren. Da waren tausende von Menschen. Da saß sie dann mit auf der Bühne und die haben gestreamt und da war sie, was weiß ich, Europameisterin in irgendeinem solchen Spielen. Ich habe immer gedacht, was ist das für eine scheiß Parallelwelt? Wo bin ich hier? Und dann ist sie studieren gegangen und hat, weißt du, aber man hat gemerkt, dieses Studium, das ist gar nicht ihrs, das ist gar nicht das, was sie will, weißt du, sie hat dann ein Lehramt studiert und dann hat dann aufgehört, das nächste Lehramt, dann noch ein Sozial und wieder aufgehört. Und irgendwann habe ich zu ihr gesagt, weiß ich noch, saßen wir bei uns im Garten und gesagt, warum machst du nicht was in deinem Thema Gaming und Streaming? Ja, da kann man ja kein Geld und das Das ist schon eine Weile her jetzt. Und da habe ich gesagt, dann fängst du halt bei uns an. Dann hat sie bei uns in der Firma angefangen, erstmal so Marketing-Praktikanten und so. Und dann plötzlich hat sie sich in ihrer Welt, hat sie sich die selber gebaut und hat dann Streaming im Twitch und hat auch für uns als Veganz bei Twitter noch eine riesige Community aufgebaut. Und das war das, was sie konnte. Und jetzt ist sie eine gefragte Community-Managerin, die mit eigenen Streams bei anderen hilft, wie man das macht. Sie ist gefragt und sie verdient damit Geld. Weißt du, was ich meine? Und das hat sich aus ihrer Leidenschaft ist jetzt eine Profession geworden und das ist doch das Geilste, was dir passieren kann. Die kann 24 Stunden arbeiten und ist abends immer noch happy, weil sie sagt, ich mache, was mir Spaß macht. Und du kriegst dafür Anerkennung. Weißt du, was ich meine? Plötzlich kommen Leute und sagen, komm doch zu uns, Abwerbeangebote oder hier willst du bei uns nicht noch was machen, du bist doch da Expertin, du kannst doch hier, du kannst doch da. Und allein, dass die Leute zu ihr jetzt kommen und diese Wertschätzung ihr geben und diese Bestätigung, das ist doch das Schönste, was dir passieren kann für das, was du dann machst. Und du machst ja etwas, was eigentlich bisher deine Freizeit war.

Joel Kaczmarek: Und wie war deine Innenperspektive in der Zeit, als die so diesen Struggle hatte, sich selbst zu finden? Hast du da mitgelitten? Warst du geneigt, immer mal was zu raten? Wie war das?

Jan Bredack: Total. Ich habe ihr ja geraten, dass sie das mit dem Streaming machen soll. Das war ja am Ende mein Rat, ja. Und als Eltern hängt ja da auch was dran, ne? Und wenn du siehst, das Kind ist unglücklich und da, nee, es macht mir keinen Spaß. und dann das nächste Studium und abgebrochen und nochmal und dann hier in der Uni in Berlin und dann, weißt du, das ist so, das war alles Krampf. Und irgendwann haben wir gesagt, so, jetzt machst du halt dein Streaming und hast halt, hat halt hier bei uns als Praktikantin dann angefangen.

Joel Kaczmarek: Na gut, was ist denn dein zweiter Punkt?

Jan Bredack: Das ist ein sehr spezifischer Punkt auf mich bezogen, selbstkritisch und der ist auch gefährlich, wenn ich den jetzt so äußere, aber ich muss es trotzdem tun, weil es mich wirklich in vielen Gedanken beschäftigt. Ich bin mit 21 Vater geworden und das ist viel zu früh. Also man kann nie sagen, wann es das richtige Alter ist. Ich war mir meiner Verantwortung zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bewusst. Und das ist auch an mir vorbeigegangen und es tut mir so leid auch für die Kinder, weil gerade so die ersten Jahre in der Prägefase, sowohl für sie als auch für mich als Elternteil, war ich ja gar nicht da. Ich habe ja gar keinen Sinn für Kinder gehabt. Und das ging tatsächlich noch beim zweiten und selbst beim dritten Kind war es noch so. Also es ist viel zu früh, würde ich heute nicht mehr tun und würde ich auch so keinem empfehlen. Es kann aber Menschen geben, die mit 27 die Reife haben oder in einem anderen Stadium ihres Lebens sind, wo es genau richtig ist. Ich kann heute sagen, okay, ich bin noch relativ jung und habe eine Tochter, die 33 ist. Dann kriegt man vielleicht Enkelkinder noch anders mit, als jetzt, wenn man mit 50 Vater geworden ist.

Joel Kaczmarek: Also unter der Prämisse, dass du darüber reden magst, wie hat es sich denn bemerkbar gemacht, diese fehlende Bereitschaft? Also wie sah dein Leben aus? Wie war die Beziehung zu den Menschen, die da auf die Welt durch dich gekommen sind?

Jan Bredack: Gar keine, bindungslos. Also du weißt, es sind deine Kinder, du hast eine Verantwortung, du hast die auch getragen. Mit der Frau war ich dann eh getrennt, aber es ist nicht dieses Band dieser Familien, dieses Gefühl, das ist jetzt hier diese große, innige, bedingungslose Liebe und diese enge Verbundenheit, die ist nicht da gewesen. Das ist aber ein Spezifiker von mir. Ich würde davor warnen, dass jetzt nur wer früh Kinder kriegt, dass der dann keine Bindung zu denen hat. Aber bei mir, ich hatte mit Abstand noch nicht die Reife, ein Kind zu haben. Ich war selber noch ein Kind. Man kann das auch nicht wiedergutmachen. Man kann das auch nicht zurückholen. Man kann jetzt nicht sagen, Kind, jetzt habe ich dich 20 Jahre vernachlässigt. Jetzt bin ich aber da. Komm, lass uns mal ins Zoo gehen. Und hier hast du ein Eis. Das geht nicht. Das ist unwiederbringbar.

Joel Kaczmarek: Hast du es versucht? Habt ihr eine Beziehung mittlerweile, deine ersten Kinder und du?

Jan Bredack: Schwierig. Wir haben hier und da, aber sie sind, ich traue es mich gar nicht zu sagen, sie fühlen sich gar nicht mehr an wie meine Kinder. Das liegt auch daran, dass sie lange Jahre woanders gelebt haben oder immer mal wieder Trennungsphasen hier und da. Es fühlt sich anders an.

Joel Kaczmarek: Hast du dich dem mal entschuldigt?

Jan Bredack: Direkt und indirekt, ja, habe ich. Aber bringt das was? Außer mir selber, jetzt mal aus der Ego-Perspektive, bringt den Kindern nichts mehr.

Joel Kaczmarek: Was haben sie dir denn gespiegelt, wie es für sich anfühlte?

Jan Bredack: Ja gut, gerade meine Größte, mit der habe ich nur den wenigsten Kontakt, da ist eher sehr viel, gerade weil auch dann eine zweite Frau im Spiel war mit anderen Kindern wieder, dann fühlt sich das für das erste Kind dann nochmal viel schlimmer an, wenn die dann auch sehen, wie der Umgang dann da ist. Also eine ganz andere Welt, die waren ja dann auch bei mir, also dann als Kinder aus erster Ehe und das fühlt sich für die dann nicht gut an. Kann ich verstehen. Also mit Blick, da spielt auch Eifersucht eine Rolle. Bis heute übrigens. Bis heute ist das so. Und dann kamen ja noch die Kinder von meiner jetzigen Frau dazu. Ja, der Patchwork dann. Und dann hast du nochmal zusätzliche Verschärfungen. Dann geht es dann wirklich vorwurfsvoll. Ja, die Kinder, die sind ja deine Lieblinge. Und in meiner Kindheit spielte Eifersucht auch eine große Rolle. Ich war der Ältere und ich habe immer das Gefühl gehabt, mein kleinerer Bruder wird immer bevorzugt. Und ich kriege immer die Scheiße. Was du von älteren Geschwistern ja häufiger hörst.

Joel Kaczmarek: Und sag mal, wenn du eigentlich so schlechte Erfahrungen damit gemacht hast, wie kam es, dass du dann, was du gerade eine zweite Welle genannt hast, trotzdem nochmal weitere Kinder bekommen hast? Gab es so einen Moment für dich?

Jan Bredack: 38, 39, da war ich in dem Alter, wo es kann sein, dass da diese schlechte Gewissen, ich will es nochmal richtig und anders machen oder besser machen oder ich will da, das spielte sicherlich eine Rolle.

Joel Kaczmarek: Ja, weil ich, wie immer hast du ja auch gesagt, Fußabdruck in der Welt hinterlassen, was denken meine Kinder von mir, wenn ich dann nicht mehr da bin? Beschäftigt es dich in Bezug auf deine ersten drei Kinder noch oder hast du damit deinen Frieden geschlossen?

Jan Bredack: Nee, habe ich noch keinen Frieden, nein. Weil da auch ständig Konflikte sind, weil ständig Dinge wieder hochploppen, weil ständig mir das vor Augen geführt wird, dass ich da an der Stelle mich nicht mit rumgekleckert habe. Ich habe insofern meinen Frieden gemacht, dass ich heute weiß, dass ich es nicht mehr ändern kann. Ich kann es nicht mehr revidieren, nicht mit teuren Geschenken, nicht mit. jetzt verbringen wir nur noch 24 Stunden am Tag miteinander. Das funktioniert nicht. Das kannst du nicht mehr aufholen. Zumal sie ja geprägt sind und ihre eigenen Familien heute haben. Da weiß ich es ja noch aus meiner Zeit oder erlebe es ja noch, Da gibt es ja auch einen Abnabelungsprozess, der ja natürlich sowieso stattfindet. Und wenn du dann vorher schon so eine lose Bindung hattest, wird es eher nicht besser dadurch. Es kann auch mal sein, wenn jetzt Enkelkinder da sind, dass sich das nochmal ändert. Und auch die werden ja älter und kriegen eine andere Reife. Aber darauf würde ich jetzt nicht wetten und auch nicht spekulieren.

Joel Kaczmarek: Du redest ja da sehr nüchtern und ehrlich drüber, wofür ich dich ja immer sehr schätze. Wie hast du den Zugang für dich dazu gefunden, dass du das kannst heute, dass du da auf dich blickst und dir da, also A, sachlich bist und B, klingt es jetzt für mich auch so verzeihend? oder dass du sagst, erkenne ich an. Weißt du, was ich meine? Man könnte ja auch anders mit umgehen.

Jan Bredack: Es hat mit dem, was ich eingangs gesagt habe, zu tun mit diesem Alter, mit dieser Schallmauer, die Endlichkeit deines Daseins, deines Lebens. Und du kriegst ja auch viele Schicksalsschläge drumherum mit. Das Leben kann ja auch morgen vorbei sein. Also es ist ja nicht so, dass man jetzt sagt, so, jetzt bin ich 52, jetzt habe ich noch 30 Jahre. So ist es ja nicht. Ich habe Menschen beerdigt, die waren 26. Oder gerade jetzt in dem Alter ist es ja ein kritisches Alter, gerade auch für Männer. Und das macht man sich dann viel mehr bewusst. Und gerade in diesem Bewusstsein denkt man dann halt auch drüber nach, was habe ich jetzt hier hinterlassen, verbrochen, getan. Und da sind natürlich Kinder das Erste, weil die sind Fleisch und Blut, die sind da. Und deshalb ist dieser Gedanke schon oft sehr naheliegend und die Auseinandersetzung damit auch immer wieder präsent. Also es ist jetzt nichts, was du permanent wegschieben kannst, weil du es ja siehst.

Joel Kaczmarek: Wie war denn deine Kindheit mit deinen Eltern? Hattest du auch einen Vater, der so war wie du bei deinen ersten Kindern oder war das da anders?

Jan Bredack: Bei mir war es eher andersrum. Ich hatte einen Vater, der sich sehr viel mit mir beschäftigt hat, aber er hat es halt, wie es üblich war, auch von seinem Elternhaus, die haben das halt mit sehr viel Druck und Gewalt gemacht. Und da gab es eine sehr schwierige Beziehung zu meiner Mutter. Der hat halt unendlich viel häusliche Gewalt, habe ich erlebt, ja, also gerade meiner Mutter gegenüber. Und wenn du als Kind sowas erlebst, dass deine Mutter jeden Tag verprügelt wird und du dann selber auch schnell in diese Gewalt mit reinrutscht, ist das nochmal eine ganz andere Prägung. Aber auch da sage ich, ich habe keinen Kontakt zu meinem Vater zum Beispiel, seit weiß ich nicht wie viele Jahrzehnten, weil ich eben aus dieser Zeit noch so geprägt bin, dass ich da jetzt auch nicht sagen kann, ich verzeihe dir oder so. Weil das hat ja meine ganze Kindheit Leistungsdruck und physische Gewalt. Klar, daraus bin ich heute geworden, was jetzt ist. Ich bin sehr leistungsaffin, ich orientiere mich, ich bin sehr leistungsbereit und gehe auch immer bis über, deshalb habe ich auch Triathlon gemacht, weil das ist ja genau so ein Sport, wo man auch über die Grenzen geht. Das hängt alles miteinander zusammen und mit einer gewissen Reife und Rückblick kriegst du ja dann auch so Einsichten. Und trotzdem bin ich jetzt nicht geneigt zu sagen, ich gehe zu meinem Alten hin und sage, ich verzeihe dir und du bist der beste, größte Papa, den ich je hatte. Nee, mache ich nicht. weil er auch nicht einsichtig ist und weil es auch nicht nur mich betroffen hat, sondern eben auch gerade meine Mutter, die da stark darunter gelitten hat. Aber jetzt kommen wir zu deiner ursprünglichen Frage. Meine Mutter wiederum war jetzt gerade aus ihrer Prägung jemand, der keine Nähe zugelassen hat, also so körperliche Nähe, so Kuscheln oder so dieses Liebevolle. Sie war eher sehr roh und hart, also jetzt nicht böse, sondern sie war eher so ein bisschen distanziert. Und insofern spiegelt sich das dann auch in mir zum Teil wieder.

Joel Kaczmarek: Kennst du das Drama-Dreieck? Nee. Das ist so ein soziales Modell, was Beziehungen darstellt. Und dieses Dreieck hat drei Pole. Täter, Opfer, Retter. Es ist sozusagen ein Modell, was dysfunktionale Beziehungen beschreibt. Weil was du manchmal erlebst ist, dass Menschen von den Polen auch wandern können. Also dein Vater war bestimmt auch mal Opfer und wird dann Täter. Du bist vielleicht manchmal in der Situation das Opfer und wirst dann Retter und es ist egal wie, also das Anstrengende ist dann, aus diesen Konstrukten irgendwie auszubrechen. Ich hänge mir auf dem Kopf noch so an dem Thema mit dem Verzeihen, weil mir ist irgendwann mal so ergangen, dass ich so realisiert habe, wenn man nicht verzeiht, derjenige, den man eigentlich sabotiert, ist man selbst und nicht das Gegenüber.

Jan Bredack: Ich habe es tatsächlich versucht, aber es hat nicht funktioniert. Es geht ja auch mit meinem Bruder so, ja, mein Bruder Da wurde ja viel in der Presse drüber geschrieben, komplett in eine andere Richtung. In der DDR Leistungssportler, hoch gefördert, bei meinem Vater immer hoch im Arm. Das ist so diese Neid, also in meiner Richtung. Und nach der Wende komplett abgestürzt in die rechte Szene. Und damit wurde ich ja immer in Verbindung gebracht, dass ich ein Rechter bin und sowas, was ich genau nicht bin. weil ich genau meinen Bruder dafür verachte, dass er das ist. Und trotzdem, ich wusste, wie weit er da abgedriftet ist, habe ich versucht, da eine Annäherung, aber es hat nicht funktioniert. Weil wir einfach ideologisch, und irgendwann kommt das hoch. Ich habe dann seine Kinder gesehen, die dann Adolf und Kurt und wie soll ich, wie heißen, die in irgendwelche Lager fahren, die bis heute, und die dann auch schon in dieser Schiene großziehen. Da habe ich so eine Aversion und so eine Abnähung. Und irgendwann habe ich dann für meine Familie entschieden, Ich möchte nicht, dass das bei mir an mich ranlassen. Ich möchte das nicht. Ich möchte auch meine Familie vor so einem Gedankengut und von solchen wirklich Vollpfosten schützen. Obwohl es mein Bruder ist, dem ich auch viel geholfen habe in seiner Zeit, aber ich komme da nicht mehr mit klar. Ich habe denen eigentlich nichts zu verzeihen. Mir tut er eigentlich leid, aber ich kann trotzdem nicht über dieses Stöckchen drüber springen.

Joel Kaczmarek: Ich glaube, was man nicht verwechseln sollte, ist Verzeihen und die Dinge gutheißen, die jemand tut. Also für mich würde es nicht heißen, jemandem verzeihen, dessen Ideologie ich nicht teile und die damit übernehmen oder billigen oder so. Das finde ich auch nochmal einen anderen Schritt. Aber was ich ja manchmal so lerne ist, mir ging es in meinem Leben manchmal auch so, dass ich mich über Dinge geärgert habe und dann gemerkt habe der oder diejenige kann es selber nicht oder konnte es nicht besser, weil es es selber nie gelernt hat. Und meine Mutter hat immer so einen schönen Satz zu mir gesagt, unter jedem Dach ein Ach. Das checkt man am Anfang gar nicht so und dann irgendwann realisiert man so, okay, es geht einfach darum, dass es gibt bei jedem Menschen irgendwas so unter dem Dach, was da passiert, was einen irgendwie belastet, was schwierig ist, was vielleicht nicht einfach ist, man sieht es aber gar nicht sofort. Wenn ich Dinge verstehen kann, dann kann ich sie besser akzeptieren. Also wenn ich so eine Empathie habe, dass ich denke, alles klar, ich bin überhaupt nicht so, Aber ich sehe irgendwie den Pfad, wie du da hingekommen bist. Dann fällt es mir leichter, damit umzugehen. Aber ich habe, glaube ich, nicht so viel versprochen. Nimmst kein Blatt vor den Mund. Dann lass uns doch mal gucken, was denn mit deinem dritten Punkt so schlummert.

Jan Bredack: Der fügt sich dann nahtlos an, weil Kinder, da hängt ja dann auch eine Frau dran. Das hat dann auch eine Ehe. Wie kann man mit 19 heiraten oder 20? Also so etwas Beklopptes würde ich heute nicht mehr tun. Auch das ist ja eine Verantwortung, die man eingeht. Ich finde dann immer Ausreden. Ich kann sagen, ja, ich musste damals zur Bundeswehr. Also die erste Einzugswelle nach der Wende. Und wenn du verheiratet warst, bist du halt an einen Standort gekommen, der um die Ecke war. Also als ich eingezogen wurde, dann bin ich erstmal nicht hingegangen. Und dann haben sie mich geholt. Und dann habe ich vier Wochen später geheiratet. Und der Grund, warum ich geheiratet habe, war tatsächlich die Bundeswehr. Aber Trotzdem habe ich es ja gemacht. Also ich kann das jetzt als Grund vorschieben. Es ist aber keine Entschuldigung. Ich habe es getan. Und die Ehe, da habe ich heute ein ganz anderes Verständnis drüber. Ein völlig anderes Verständnis. Da kommt ja auch der gesellschaftliche Druck von außen. Haus, Kinder, Auto, Urlaub. Dann geht da so diese Maschinerie los. An denen richtet man dann auch sein Leben aus. Und ich glaube, das hat auch dazu geführt, dass ich in diesen Burnout gekommen bin und auch dem ganzen System ausgebrochen bin irgendwann mal. Und gesagt habe, so jetzt Nicht nur beruflich, weil es dann dort, auch da geht es um Normen, Schulterklappen und so weiter, um die mal alle abzulegen. Aber eher wäre so ein Thema, wo ich sage, würde ich halt anders machen.

Joel Kaczmarek: Ja, man ist so in der Legebatterie drin. Also irgendwie ist es ja ganz ulkig, das ist ja auch sehr medial inszeniert. Frau, Kinder, Haus, Auto, Zweitauto, Urlaub, Ersparnisse, Hund und so weiter. Und mit jedem dieser Bausteine kommen ja finanzielle Verpflichtungen, die du dann erstmal reinverdienen möchtest. Und dann bist du wieder bei deinem ersten Punkt, nämlich mach eigentlich das, was dir gefällt. Das wird dann schwierig, wenn du dann nicht sofort den Pfad zum Geldverdienen siehst, weil der Druckpegel auf der einen Seite so hoch ist, dass quasi die Freiheit auf der anderen verlustig gehen kann.

Jan Bredack: Das ist genau das, was ich dir rüberbringen wollte. Genau das. Dieses kennt man ja als Hamsterrad. Aber wenn du mal in die Gesellschaft guckst, viele leben noch in diesen Normen.

Joel Kaczmarek: In Amerika gibt es doch immer diesen Satz, Missionaries versus Mercenaries, also die einen sind Missionare, die handeln aus Überzeugung und die anderen sind Söldner. Also ich bin da immer sehr erstaunt von, weil ich glaube, ich das große Glück hatte, das auf irgendeinem Pfad anders kennenzulernen, dass ich mich manchmal wundere, dass Menschen viel Raum für etwas geben, damit sie dann wenig Raum haben für das, was ihnen eigentlich Spaß macht. Also ich arbeite, damit ich irgendwann mal in Rente gehen kann, ich arbeite, damit ich mir in Urlaub gehen kann. Ich mache irgendwie, weiß ich nicht, 300 Tage im Jahr einen beschissenen Job oder 330, damit ich 30 Tage lang das machen kann, was ich geil finde, nämlich um die Welt bereisen. Und das, finde ich, ist ein ganz komisches Konzept, was zu tun, was ich beschissen finde, um damit was zu finanzieren, was ich geil finde. Anstatt, dass man nach Faden guckt, wie kann ich das, was ich geil finde, zu dem, was bei deinem ersten Punkt sind. Hast du noch ein zweites Mal geheiratet?

Jan Bredack: Ja.

Joel Kaczmarek: Und bei der zweiten Ehe blieb es, eine dritte gab es jetzt nicht.

Jan Bredack: Nein, ich hatte eine zweite Beziehung ohne Heirat. Dann habe ich jetzt eine dritte Beziehung, die habe ich meine Frau mit der

Joel Kaczmarek: Und mit der zweiten Beziehung hast du aber keine Kinder?

Jan Bredack: Doch, zwei.

Joel Kaczmarek: Doch, okay. Also drei Frauen, dreimal Kinder. Zwei davon verheiratet, eine nicht.

Jan Bredack: Genau. Wobei mit meiner jetzigen Frau habe ich keine eigenen Kinder. Die hat sie mitgebracht. Also wir haben der ersten drei, mit der zweiten zwei. Fünf plus zwei sind sieben.

Joel Kaczmarek: Okay, also du hast sozusagen fünf leibliche Kinder und zwei adoptierte, kann man sagen. Ja. Okay, gut.

Jan Bredack: Haben wir das auch mal geklärt. Bevor hier jemand beim Zählen durcheinander kommt.

Joel Kaczmarek: Und der letzte Punkt, wo ich da noch so dran hänge im Geiste ist, was hast du anders gemacht in der Auswahl? Also beim ersten Mal klingt es ja fast so wie, was du gerade gesagt hast, ich bin aufgewacht, als wenn du so tranceartig da reingestolpert bist, fällst in so ein System rein, bist irgendwie gar nicht bei dir, wachst auf, brichst aus, springst ins Neue, Du brauchst dann noch einen dritten Anlauf und jetzt geht es aber sozusagen die Pflanze für dich auf. Was war da so der Unterschied?

Jan Bredack: Der zweite war rückblickend auch nicht korrekt, weil ich quasi aus der ersten Welt, wo ich betäubt war, ausgebrochen bin, in eine Welt reingestolpert bin, wo ich vermeintlich erleuchtet war, weil ich dann auch in ein sehr spirituelles Umfeld reingekommen bin, in eine Sekte reingeraten und was weiß ich, also meine damalige Frau, mit der ich dann auch die Zwecke habe, ist Teil dieser Sekte. Und das war genau das andere Extrem. Das war von Karriere, betäubt Kinder haben und irgendwie zusammenleben und gar nicht wissen mit wem, hin zu einem sehr spirituellen Leben, sehr bewussten Leben. Wer bin ich? Warum bin ich da? Auseinandersetzungen mit außerweltlichen Sachen. Das war das komplett andere Extrem. Und daran merkst du auch, wie meine Persönlichkeit strukturiert ist. Ich bin halt immer ein Extremist. Also entweder so extrem und so extrem. Ich habe mich lange schwer getan, Dinge dosiert zu machen, sondern immer extrem. mit meiner jetzigen Frau, das war dann so die Harmonie aus beiden Welten, wo ich quasi die Kanten abgeschlagen hatte, das eine zum anderen. Und jetzt, glaube ich, bin ich in einer Verfassung, wo ich auch heiratsfähig war und auch beziehungsfähig. Wobei, da muss ich auch immer noch viel lernen.

Joel Kaczmarek: Ist es denn mit deinem zweiten Wurf Kinder leiblicher Natur besser gegangen?

Jan Bredack: Ja, super. Das ist super. Das ist eine ganz andere Beziehung. Auch sie zu mir eine andere Beziehung und ich zu ihnen.

Joel Kaczmarek: Dein vierter Punkt.

Jan Bredack: Genauso blind wie in Beziehungen und Kinder habe ich mich halt auch in ein Berufsleben reingestürzt, was mit dem richtigen Leben so richtig nichts zu tun hat. Und habe mich in eine Welt reinziehen lassen oder habe sie selber mitgestaltet. Ich mache gar keinen Dritten dafür verantwortlich, wo ich sehr stark mich an materiellen Dingen orientiert und hochgehangelt habe und auch diese menschliche Komponente schon stark gelitten hat. Es ging nur um Karriere, es ging nur um imaginäre Machtsymbole. Es ging um Macht tatsächlich, gar nicht mehr so um Geld, es ging um Macht. Macht, Macht, Macht. Diese Karrieristen-Sein sehe ich heute rückblickend, darüber mache ich ja viele Interviews, Podcasts, das sehe ich heute sehr kritisch. Aber gar nicht so sehr anklagend. das System, mache ich natürlich indirekt auch, sondern auch immer selbstkritisch reflektierend meine eigene Persönlichkeit in diesem Spiel, weil nur die prägt ja dann auch. Ich habe ja dieses Spiel mitgespielt und mitgeprägt. Und damit auch meinen Abdruck hinterlassen. Ich weiß nicht, ob wir beide schon mal drüber gesprochen haben. Ich habe dann irgendwann später nach dieser Karriere mal einen Mitarbeiter getroffen, den ich zu dieser Zeit rasiert habe, also rausgeschmissen habe, der quasi seine Existenz verloren hat. Und ich kann mich erinnern, dass wir damals im Führungskreis uns auf die Schultern geklopft haben, auf die Schenkel und gesagt haben, oh Breda, kannst du geil, endlich die Pflaume raus? und so. Also es war so sehr Abfälliges, aber es war üblich, so dieses, komm weg, der Nichtskönner oder der Low-Performer. Und ich wurde dafür gefeiert und dann bin ich diesem Menschen begegnet und ich war ja der Vollstrecker und habe mich dafür feiern lassen und war auch In gewisser Weise stolz. und dann treffe ich den als Menschen nach meiner, mir war das so unangenehm, es war mir so peinlich, es war mir so, ich hätte mich verkriechen können. und dann sagt er auch noch zu mir, du Arschloch. Ja, das war so, what the fuck, ja, also er hatte recht. Und genauso wie das vorhin mit meinen Kindern gilt, du kannst dich ja, willst du dich entschuldigen, was willst du für was, also das kannst du ja gar nicht mehr gut machen. Du hast ja zu dieser Zeit, und jetzt vergessen wir mal die materielle Existenz, aber dieser Mensch war genau wie ich in diesem System und hat jeden Tag gespürt, 10, 12 Stunden und nachts wahrscheinlich viele Träume, schlaflose Nächte einer Corporate-Umfeld gewidmet, um dort eine Leistung zu bringen, um dort Anerkennung zu bekommen, um dort Wertschätzung zu bekommen. Und dann ist eine Person wie ich, die hierarchisch über ihm steht, die mehr Schulterklappen hat, die mehr Macht hat, die ihm dann seine Schulterklappen wegreißt von einem Tag auf den anderen und sagt, Du gehörst ja nicht her, such dir was anderes. Du bist ja eine unerwünschte Person. Stell dir das vor, was ich in diesen Menschen angerichtet habe, was da passiert ist. Und das ist ja nicht nur einmal passiert, da darf ich gar nicht drüber nachdenken, da fallen mir eine ganze Menge. Aber den habe ich halt nochmal wieder getroffen, in einer Zeit, wo ich dann schon ein bisschen reflektierter war und das ist schon krass. Und dann denke ich auch oft an Karma. Wenn es Karma gibt, dann kann das an der Stelle zurückschlagen.

Joel Kaczmarek: Was ist denn sozusagen der Leitsatz jetzt deines vierten Punktes? Also macht es was Schlechtes oder übe einen Beruf nicht? Weißt du, was ich meine, wenn du es in so einen Satz gießt?

Jan Bredack: Mir ist es ja dann am Ende selber so gegangen. Ich bin ja selber auf so eine Art und Weise dann unter die Räder gekommen. Für mich das Resümee war, ich war ja gar nicht mehr ich selbst als Mensch, sondern ich war Diener dieses Systems. Ich habe alles bedient, was dieses System von mir verlangt hat, um zu funktionieren, um auch am Ende den Output zu generieren. Aber ich war kein Mensch mehr. Menschlichkeit ist mir komplett abhandengekommen. Mein Wertesystem war nur noch daran ausgerichtet, was muss ich erfüllen, um die nächste Stufe, um noch mehr Macht zu bekommen, um Angesehene, um noch mehr Wertschätzung von den Leuten zu bekommen, die auch in diesem System feststeckten. Und wenn da verlangt war, dann habe ich das bedingungslos gemacht. Und das hat jeder in dem System bedingungslos gemacht, sonst hätte er nicht die Karriere gemacht. Weißt du, das bedingt sich alles einander. Wenn ich heute die Leute sehe, die immer noch in diesem System drin hängen, habe ich nur sehr viel Mitleid für die. Und als Mensch. Nur Mensch. Die haben sehr viel Geld. Die haben ein gesichertes Auskommen. Die haben eine gesicherte Existenz. Das ist alles gegeben. Aber ich habe als Mensch nur Mitleid für die.

Joel Kaczmarek: Hast du ein bisschen die Beziehung zu deinem Vater nachgelebt in dieser Rolle?

Jan Bredack: Die Psychologen haben das mit mir so versucht aufzuarbeiten. Tatsächlich war das so in meiner Burnout-Phase. Ich bin ja dann völlig aus dem Verkehr gezogen worden. Da spielte die Beziehung zu meinem Vater tatsächlich eine große Rolle. Das Einzige, was da reinstrahlt, ist dieser unbedingte Leistungswille. Diese Leistungsbereitschaft, alles zu geben, über die Grenzen hinauszugehen und dann eben auch solche Dinge zu tun. Das ist mir als Kind antrainiert worden.

Joel Kaczmarek: Gab es so einen Breaking Point für dich dann aus diesem Zirkus raus? Also ich weiß noch, du hast mir das mal erzählt mit deiner Assistentin, die dich alleine im Zimmer immer hat gelassen und alle dachten, du arbeitest und dem war nicht so. Aber gab es so einen Moment, was dich rauskatapultiert hat aus diesem Negativrad?

Jan Bredack: Das ist ein Prozess über mehrere Monate gewesen. Das, was du jetzt gerade reflektierst, ist, da war ich mittendrin, da habe ich das noch versucht zu kompensieren, da habe ich versucht, an meinem Netzwerk mich umzusetzen. zu rehabilitieren, wieder der Alte zu sein, der alte Starke, der die Macht hat. Aber ich war eigentlich schon, mein Nachfolger stand schon fest, ich war schon abgemeldet, meine Mitarbeitenden haben schon gemerkt, oh Gott, Bredack, nicht mehr, der Loyalität, weil dann bist du auch abgemeldet. Das passiert ja dann, wenn du in so einem Umfeld als Vorgesetzter schwach wirst und Schwäche zeigst, orientiert sich deine ganze Mitarbeiterschaft eben an dem Stärkeren, der vermeintlich höher in der Gunst steht. Und damit kannst du gar nicht mehr erfolgreich sein. Es geht gar nicht mehr. Du kannst nicht mehr erfolgreich sein. Also mal abgesehen von Intrigen, die dann passieren, sehen wir ja aktuell in der Politik, was da passieren kann. Wir sind jetzt alle erschrocken und sagen, oh Gott, aber das sind ja menschliche Abgründe. Aber die passieren halt auch in der Politik und werden uns vor Augen geführt. Aber die passieren jeden Tag überall in unserem Leben. Ich würde sagen, nach Behandlung und wirklich nachdem ich dann das im anderen Extrem drin war Und in dieser spirituellen Welt dann mich versucht habe, Halt zu finden, was ja viel größer ist als jetzt so materielle Welt. Da kamen dann so langsam Erkenntnisse im Rückblick. Aber das ist jetzt nicht, dass du nachts aufwachst und sagst, aha, so war es. Na klar, logisch. Ich glaube, ich stecke heute immer noch da drin in dieser Aufarbeitung. Ich habe das 20 Jahre gemacht. Das ist ja ein großer Teil meines Lebens.

Joel Kaczmarek: Weil du eben erzählt hast, die Hyänen, die um einen kreisen in so einer Arbeitssituation, wenn die merken, dass du deine Macht verloren hast oder die Stärke. Und da habe ich mich gerade gefragt, was so deine Hypothese ist, ob man in diesen Systemen eigentlich überleben kann, wenn man da gefühlsbetont ist, wenn man sozusagen einfach sich so lebt, wie man ist oder ob das gar nicht möglich ist in sonnigen Settings.

Jan Bredack: Das funktioniert nicht. Es mag menschliche Züge geben, wenn du, ich sag mal, auf einem Level der Macht angekommen bist, wo jetzt nach oben nicht mehr viel Luft ist. Dann kehrt sich vieles um, dann bist du gelassener. Wobei auch da musst du ja ständig auf der Hut sein, dass du nicht von deinem Thron runtergeschubst wirst. Also insofern, du wirst dann großzügiger und auch ein bisschen erhabener über bestimmte Themen, aber du bist trotzdem noch derjenige sein, der dieses System bedient, Härte zeigt und im Zweifel auch austeilt. Das musst du, sonst bist du weg.

Joel Kaczmarek: Mir hat irgendjemand das mal erzählt über einen der großen Autobauer im Vorstand. Man denkt ja immer, das klingt immer als so gesittet. Man sitzt mit seinen Krawatten da, hat einen Aktenordner, setzt sich in die Runde und redet.

Jan Bredack: Ich kann dir Geschichten erzählen, mein lieber Mann. Also da geht alles andere als gesittet zu. Und das Schlimmste, was ich mal erlebt habe in der Präsentation, die ich gehalten habe mit einem zusammen, da saß ein Vorstand, Namen spielen jetzt keine Rolle. Also es gibt zwei Schlimme. Der erste Schlimme ist, dass du nicht angeguckt wirst. Also allein dieses, dass man dich nicht beachtet. Du hältst einen Vortrag, an dem hast du Wochen, Monate lang gearbeitet. Und dann sitzt du vor dem Vorstand und der guckt dich nicht mit dem Arsch an. Der schreibt, guckt woanders hin, spielt am Handy. Der hört dir schon zu, weil du weißt, der ist sehr scharfsinnig. Aber das ist eine Form der Machtausübung, die ist brutal. Das ist ja wie eine Prüfungssituation. Und du weißt, da geht es um Wohl und Wehe. Und das andere Extrem ist, dass du was erzählst und plötzlich stößt du auf einen Punkt, der nicht gefällt. Und dann kommt plötzlich, dann springt der auf, schreit rum und schmeißt dir einen Stift am Kopf. Und beides habe ich erlebt. Und das färbt dir ab. Und wenn du solche Menschen hast in diesen Positionen und du adaptierst das ja, auch wenn du vorher der liebste Mensch dieser Welt warst, wirst du dann Dinge dir davon annehmen.

Joel Kaczmarek: Weil in dem Autobau, von dem ich es erzählt bekommen habe, war es ganz genauso, wo es hieß, Vorstandssitzung, da wird dich angeschrien und die Aktenordner geschmissen und was weiß ich nicht was.

Jan Bredack: Ja, ja, ja, habe ich gleich erlebt und nicht nur einmal. Und es gibt so Psychospielchen, die lernst du dann auch in der Managementkarriere. Wer fragt, der führt und solche Sachen. Das sind ja so die Grundregeln der Führung. Und auch das Nicht-Angucken, damit übst du Macht aus. Das ist einfach eine Form der Machtausübung. Du bist nichts wert, ich bestimme, wann ich dir meine Aufmerksamkeit gebe und wann du die Chance hast, für 30 Sekunden an mich ranzukommen. Und die gleichen Typen haben dir dann in der Kaffeepause oder stehen dir dann neben dir und, Brilla, wie war's? Die gleichen Typen. Das ist unberechenbar, weißt du, was ich meine? Das ist irgendwie so. in einem lockeren Umfeld ist das eher und auch dann teilweise sogar per Du, ja, das war ja früher noch nicht so gang und gäbe, im Vorstand dann eher schon mehr, die waren dann alle per Du. Aber wie war es denn so? Erzähl doch mal und so. Dann denkst du dir, hä? Völlig absurde Welt.

Joel Kaczmarek: Gibt es irgendeinen konstruktiven Pfad in diesem Umfeld, das sozusagen loszuwerden, diese Situation oder das in was Gutes zu drehen? Gibt es irgendeine Reaktion, die du zeigen kannst, um das in so ein nicht toxisches Fahrwasser zu bringen, dass du sagen kannst, also irgendeine Auflösung, irgendein Verhalten? oder ist das System so gegen dich, dass du nur sagen kannst, ich verlasse das?

Jan Bredack: Was doch jedem bewusst ist. Alle hängen an Seilen und alles, was du hast an Macht, ist geliehen. Es ist alles geliehen. Die Schulterklappen, die sind ja nicht an dir angewachsen. Du bist ja nicht Gott gegeben. Das sind vielleicht die Patriarchen, die eine Firma aufgebaut haben, die über Jahrzehnte Familiendynastien hochgezogen haben. Die haben gottgegebene Schulterklappen. Und die haben auch per se, sind die auch sehr anfällig für so ein Verhalten, weil die sind dann halt Gott. Das ist nochmal eine andere Geschichte. Aber alle, mit denen du es in so einem Konzern zu tun hast, das ist alles geliehen. Die kriegst du verliehen und die kann morgen weg sein. Die kann morgen noch mehr sein. Ich bin ja selber viel befördert worden und habe viele Leute erlebt, die befördert wurden. Und dann wirst du auch mal überholt von jemandem, wo du vorher der Vorgesetzte warst. Also du musst schon auch immer aufpassen, wem du ans Bein pinkelst. Kann sein, dass die irgendwann mal zurückpinkeln. Das kann schon passieren.

Joel Kaczmarek: Sind für dich alle Konzerne eigentlich nach dem Motto?

Jan Bredack: Ja, es kann nicht anders funktionieren. Also du musst dir das einfach mal rein. Und das hat für mich auch ein Stück weit was mit Größe und Organisation zu tun. Die Führungskräfteentwicklung in diesen Konzernen sind doch von Firmen gemacht worden, die das für alle gleich gemacht haben. Also die Assessment Center und alles, das ist ja teilweise auch extern begleitet worden. Also da kann mich gerne jemand eines Besseren belehren, aber ich sage, so funktioniert heute jeder. Und die funktionieren bis heute so.

Joel Kaczmarek: Ein Punkt fehlt noch bei dir. Was ist denn dein letzter? Dann machen wir mal den Abschluss langsam.

Jan Bredack: Ist ein bisschen abgedroschen, aber spielt tatsächlich bei mir eine große, sehr große Rolle, aktuell übergeordnete Rolle. Eben auch aus dem Grund, weil, weißt du, jetzt sterben viele Menschen auch schon in meinem Umfeld. Und die sterben auch schon wieder früher. Die Lebenserwartung geht wieder zurück. Essen, ungesund, hochprozessiert. Stress, Druck, Klima, Umwelt. Es gibt ja so viele Dinge, die da jetzt auf uns einströmen, die jetzt eher nachteilig sich wiederentwickeln. Und Deutschland ist im europäischen Umfeld sogar gerät immer weiter in Rückstand, was die Lebenserwartung angeht. Da sind uns Länder wie Spanien, Italien und so voraus. Und deshalb beschäftige ich mich tatsächlich, anders als noch mit 20, mit Gesundheit. Was bedeutet Gesundheit? Was macht Gesundheit aus? Wie kann man Gesundheit bewahren, erhalten? Wie kann man sie schützen? Und es geht jetzt gar nicht nur darum, ganz alt zu werden, sondern es geht auch darum, wie man alt wird. Weil ich habe Menschen alt werden sehen, da hätte ich mir gewünscht für die selber, dass ich schon zehn Jahre, ja, du lachst jetzt, aber das ist doch, das ist dann ein Dahinsiechen. Ich möchte nicht Dahinsiechen. Ich sehe heute ältere Menschen mit deutlich anderen Augen. Ich sehe dann Menschen, die sind 80. Da sagst du, oh Gott. Und dann siehst du Leute mit 80, die sind das pure Leben. Da steckt auch noch so viel Energie drin, da steckt Gesundheit drin, da steckt. Und das ist so für mich jetzt mit 52, wo ich sage, hey, was kann ich tun, um zu der Gruppe zu gehören, die mit 82 noch sagen, mir geht es gut, ich mache das gut. Und jetzt spielt wieder das rein. Die Ziellinie siehst du ja nun schon. Du weißt, du hast nicht nochmal 50 Jahre. Mit 30 kannst du sagen, okay, jetzt hast du nochmal so viel. Oder selbst mit 40 kannst du sagen, die Hälfte ist rum. Und deshalb ist für viele 50 so eine Schallmauer, weil du weißt, das kannst du nicht mehr verdoppeln. Also du hast mehr hinter dir als vor dir. Das weißt du.

Joel Kaczmarek: Was sind denn deine Methoden, um ein langes und gesundes Leben zu sichern? Also was glaubst du, sind so die wichtigen Faktoren, auf die man achten sollte?

Jan Bredack: Ich habe noch nie in meinem Leben Krafttraining gemacht. Cardio, ich war immer Triathlon viel. Ich gehe jetzt ins Fitnesscenter, was ich auch nie gemacht habe. Ich war vielleicht schon oft angemeldet, aber ich bin da nie hingegangen. Ich gehe jetzt regelmäßig und mache einfach eine halbe Stunde ein bisschen Krafttraining um. Das ist mir auch bewusst geworden. Ab 40, sogar schon ab 30, bauen ja die Muskeln ab. Und wenn du nichts tust, kommt auch dein ganzer Stoffwechsel, deine ganze Motorik. Das kommt alles in den Arm. Wenn du aber Muskeln aufgebaut hast, dann hast du, was Rücken angeht, keine. Du kannst dich gut bewegen. Und das ist jetzt nicht, so wie ich es sonst immer gemacht habe, ein Extremtraining. Creme, Bodybuilding, das will ich gar nicht. Mir geht es einfach darum, eine halbe Stunde dreimal die Woche das Gefühl zu haben, ich tue was für meinen Körper. Und jetzt kommt noch was wichtig für meine Frau, die hört ja auch meine Podcasts immer. Meine Frau hat mich zehn Jahre bekniet, dass wir tanzen gehen. Ich habe mich zehn Jahre erfolgreich gewährt, weil ich gesagt habe, ich und tanzen, was war so eine Scheiße, tanzen, bewegen, ich bin ein Körperklaus und so. Ich liebe es. Wir haben einen Tanzkurs, ich liebe es. Ich will nicht sagen, dass ich jetzt derjenige bin, der sie zum Tanzen schleift, aber ich bin der Erste, der die Hand hoch hält, als es hieß, Tanzkurs, nächste Stufe, fortgeschrittene, machen, tun. Ich gehe samstags mit ihr zu Sonderkursen, weil es mir Spaß macht. Diese Bewegung, diese Lebensfreude, dieses Miteinander, was tun, das habe ich vorher nie gemacht. Und jetzt macht es mir Spaß. Und ich habe so viele Videos auch gesehen, wo, ich weiß nicht, ob du das kennst mit den blauen Zonen, diese Netflix, empfehle ich dir ganz dringend, diesen anzuschauen. Da geht es darum, warum werden Menschen in bestimmten Regionen älter? Es gibt drei Gründe. Der erste ist Ernährung, der zweite ist Bewegung und das dritte ist das soziale Umfeld. Und jetzt guck mal in unsere deutsche Kultur, was wir alles nicht haben. Gesunde Ernährung haben wir nicht. Da ist gar keine Prägung dafür da. Bewegung das weißt du selber, guck uns Menschen an, Übergewicht und Soziales, guck dir die Alten an, die werden mit 70, ich mache es dir bewusst mal schwarz-weiß, sitzt jeder Einzelne in seiner Buchte und wenn er Pech hat, bringen ihn seine Kinder ins Altenheim, so nach dem Motto, du kannst nicht mehr alleine auf dich aufpassen, ich habe es ja live erlebt, andere Kulturen haben uns da was voraus und deshalb gibt es diese blauen Zonen und du kannst immer genau gucken, wo diese Menschen halt, da ging es halt über 100-Jährige. und mein Ziel, was ich mir gesetzt habe, ich möchte über 100 werden. Was jetzt wieder dafür Theorie spricht, dass ich doch noch das Doppelte habe.

Joel Kaczmarek: Und sag mal, ich meine, du bist ja die perfekte Person, das zu fragen. Du machst ja ein Startup, was sich um gesunde Ernährung im Prinzip dreht. Was ist so dein kleines Einmaleins? Weil frag zehn Experten, krieg elf Antworten.

Jan Bredack: Ja, ich mache vegane Ernährung. Das muss nicht zwangsläufig gesund sein, weil ich habe mich jetzt auch als Veganer, der ich jetzt 16 Jahre bin, oft ungesund ernährt, weil zwar keine tierischen Produkte, was schon mal gut ist, aber viel zu viel Kohlenhydrate. Also da habe ich mehr Bewusstsein wiederentwickelt. Und viel trinken ist auch ein ganz wichtiger Tag, was ich auch viel zu wenig mache, ja. Also ich habe mir extra so eine Flasche gekauft, wo 1,2 Liter mit so einem Strohhalm, weißt du, wo? dann züffelst du das weg und dann bist du am Tag bei 3, 4 Liter. und das ist auch ein Maß Wasser. Und ich trinke nur noch Wasser. Also das ist, früher habe ich viele Softgetränke, alles weg, kein Orangensaft, nichts mehr. Ich trinke nur Wasser. Und ruckzuck habe ich 10 Kilo weg gehabt, ja. Also einfach nur, weil ich Wasser getrunken habe und nicht mehr diese scheiß Cola Light und was es alles gibt, alles weg. Dann bin ich sehr auf Low Carb aus. Ja, ich esse sehr viel Proteine, aber sehr wenig Kohlenhydrate. Das ist so mein Wohlfühl-Moment.

Joel Kaczmarek: Lass mal einmal durchdeklinieren. Was ist so ein typisches Frühstück, Mittagessen, Abendessen bei dir?

Jan Bredack: Ich esse kein Frühstück. Morgens trinke ich einen grünen Tee mit unserem Milik. Ich mache mir jeden Morgen mit unserem Hafermilik, mache mir einen grünen Tee. Das ist schon mal, drei Viertel Liter ist da schon mal weg. Dann nehme ich mir meine Pulle Wasser und das erste esse ich abends. Das ist nicht gesund, fälligerweise muss ich sagen. Man soll eher kleine Mahlzeiten, aber ich bin halt so ein Typ, ich arbeite den ganzen Tag und esse dann abends. Und abends esse ich sehr, also wir gehen kaum noch essen. Meine Frau, wir waren früher jeden Tag zweimal essen, kochen zu Hause frisch. Wir essen viel aus unserem eigenen Garten, wir essen sehr viel Gemüse und ich esse kein Brot mehr. Also das kommt auch noch dazu. Also das sind so Dinge, die haben so Einzug gehalten. Das sind aber auch immer so Phasen. Ich esse sehr viel Eiweiß, das muss ich fairerweise sagen. Also wenn es so um Fleischersatz geht, dann bin ich immer dabei. Also sehr viel Eiweiß. Und der muss aber auch möglichst auf Erbsenbasis sein. Besser produzieren wir es ja auch. Also ich mache tatsächlich auch viele Produkte hier, wo ich selber überzeugt bin, dass das richtig und gut ist.

Joel Kaczmarek: Also lieber Jan, es war wie immer ein bunter Ritt mit dir. Also mir macht das immer Spaß, weil ich sage ja, sehr real, sehr raw, sehr ehrlich und ja, auch sehr bunt. Also von daher, ich drücke dir ganz fest die Daumen, dass deine Reise in der Tat nochmal mindestens das gleiche ist wie bisher und dass du auch hinterher darauf zurückblickst und sagst, die Fußstapfen gefallen mir, die ich hinterlassen habe. Von daher, vielen Dank.

Jan Bredack: Gerne. Wir sehen uns in 50 Jahren.